Die neue Über-Sportlerin ?Ganz schön lange wurden die bisherigen 800er-VFR-Fahrer und -Fans auf das Erscheinen der neuen 1200er-VFR mit einem komplett neu konstruierten V4-Motor mit ohc-Vierventil-Zylinderköpfen und 172 PS Leistung vorbereitet. Als Angler würde man sagen, man hat seine ausgewählte Beute schön lang angefüttert, um diese dann auch ziemlich sicher fangen zu können. Auch wir Journalisten waren sehr gespannt, was man uns im normalerweise sonnigen Süden zu ersten kurzen Testfahrten präsentieren würde.
Jetzt, wo man weiß, wie die neue VFR aussieht, kann man natürlich leicht den Bezug zur bei der letzten Intermot in Köln präsentierten Studie herstellen. Das Gesicht, auch X-Face genannt, ist fast identisch mit der damals gezeigten Future-Studie, ebenso die Farbgebung. Mir persönlich gefällt dieses sehr harmonische ohne Ecken und Kanten weich fließende, aber trotzdem prägnante Gesicht. Perfekt gelungen ist die sehr hochwertige und mit neuer Lackiertechnologie aufgebrachte rote Lackierung. Insgesamt eine sehr ladyhafte elegante Erscheinung, nach der sich sehr viele umdrehen werden. Soviel mal zu den offensichtlichen Äußerlichkeiten. Das richtige Gefühl oder die Verbindung zum Motorrad bekommt man nicht vom Anschauen, sondern einfach beim Fahren und so besteigen wir nach reichlichem Begucken und Bestaunen die neue VFR 1200 F. Das Cockpit ist sehr übersichtlich, um nicht zu sagen, es ist etwas spartanisch ausgefallen. Alle wichtigen Funktionsinstrumente sind natürlich vorhanden, aber mir persönlich kommt die ganze Instrumententafel etwas lieblos gestaltet vor: in der Mitte als großes Rundinstrument der Drehzahlmesser und links davon die digitale Tachoanzeige. Rechts davon verschiedene digitale Anzeigen wie Kilometerzähler, Tripfunktionen und Tankanzeige.
Das erste Gefühl der Sitzposition ist sehr positiv. Bei meiner Körpergröße und dementsprechender Bein- und Armlänge gibt’s keinerlei Probleme mit Bodenkontakt und der Erreichbarkeit des Lenkers. Wer allerdings kleiner gewachsen ist und zudem noch etwas ausgeprägte Bauchmuskeln hat, könnte schon Probleme mit dem Erreichen der Lenkerstummel bekommen, da diese im Gegensatz zu Brems- und Kupplungshebel nicht verstellbar sind. Ein sattes, aber nicht aufdringliches Motorengeräusch drängt mich nun endlich loszufahren. Erst jetzt im Fahrbetrieb macht sich auf Grund meiner langen Beine der für mich doch sehr spitze Beinwinkel und der Beinschluss an der oberen Tankkante unangenehm bemerkbar. Für größere Personen sind die Fußrasten zu hoch angebracht und schon nach wenigen Fahrmetern stehe ich in den Rasten um meine Beine und die in den Kniekehlen zwickende Kombi neu zu platzieren. Diese kleinen Unannehmlichkeiten gelten aber nur für Fahrer über 185 cm. Der V4 hängt schon nach kurzer Warmlaufphase honda-typisch sauber und absolut zuckelfrei am Gas. Schon bei den ersten Kurven spürt man, wie willig und leicht das Fahrwerk auf sämtliche Lenkbefehle trotz des montierten 190er Hinterradgummis reagiert.
Die immerhin ca. 270 kg Lebendgewicht ohne Fahrer sind nicht spürbar und leicht beherrschbar. Der für die VFR neu entwickelte Kardanantrieb zeigt sich von seiner besten Seite. Lastwechselreaktionen durch das normalerweise kardantypische Heckanheben im normalen Schaltbetrieb sind nur ansatzweise zu spüren. Das 6-Ganggetriebe lässt sich sehr präzise und exakt schalten und wird durch die Ganganzeige im Cockpit sehr nützlich dokumentiert. Anders sieht es allerdings bei etwas verschärfter Fahrweise im 2. bis 4. Gang und entsprechend kurz aufeinander folgenden Kurven und Kehren aus. Hier hackt’s und knackt’s dann schon ab und zu mal im Kardangehäuse und auf Grund der Motor- und Drehmomentcharakteristik sollte schon sehr gefühlvoll mit der Gaskurbel umgegangen werden. Hier tritt dann auch öfters die Antihoppingkupplung beim schnellen Runterschalten aus hohen Drehzahlen in Aktion, um ein blockierendes Hinterrad zu verhindern. Unterhalb von 4.000 Umdrehungen schlummern die 172 Pferde friedlich vor sich hin.
Geht’s aber gerade in den unteren Gängen je nach Fahrstil schnell an oder über die 4.000er-Marke, dann reißen die Pferde plötzlich und sehr vehement an den Unterarmen, so dass nicht nur die Motordrehzahl nach oben schnellt. Über ein durchdrehendes Hinterrad auch noch im 3. Gang sollte man sich nicht wundern. Kraft im Überfluss, die, wenn sie kontrolliert eingesetzt wird, unheimlich viel Fahrspaß bereitet. Leider fehlt auch hier eine elektronische Hilfe in Form einer Antischlupfregelung. Schöne weit geschwungene Kurven auch auf nicht ganz optimalem Straßenbelag, da fühlt sich die neue VFR 1200 F mit ihrem Leichtmetallchassis, der 43er Upside-down-Telegabel und der Leichtmetallguss- Einarmschwinge zu Hause und kann ihr Können voll ausspielen. Das leider nur manuell einstellbare sehr gut funktionierende Fahrwerk, bei einem Motorrad zum Preis von ca. 15.000 Euro hätte ich ein elektronisch verstellbares Fahrwerk erwartet, bringt der Normalsporttourenfahrer nur selten an seine Grenzen. Hier kommt es dann sehr schnell zu kurvenrausch-ähnlichen Fahrgefühlen, von denen man nicht genug bekommen kann. Auch deshalb, weil die sehr effektiv wirkende Frontscheibe ihre Aufgabe bestens erfüllt. Luftgeräusche am Helm, auch bei hohen Geschwindigkeiten, und das können 260 km/h sein, sind nur sehr dezent oder absolut erträglich zu spüren.
Vielmehr lässt jetzt der mittels elektronisch betätigtem Seilzug voll geöffnete Auspuff-Klangkörper den Heavy metal-Sound brachial ertönen. Das Combined ABS der VFR arbeitet mit höchster Präzision und absolut leichtgängiger Dosierbarkeit und erzeugt zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Schweißperlen auf der Stirn. Fängt man aber plötzlich in der Kurve zu bremsen an, ist das Aufstellmoment, je nach montierten Reifendimensionen, sehr deutlich und unangenehm zu spüren. Der mit 18 Litern für einen Tourer doch relativ klein dimensionierte Tankinhalt setzt allerdings der Kurvenhast nach ca. 250 km Fahrstrecke ein allzu frühes Ende. 6,5 l auf 100 km sind für einen nach neuesten technischen Erkenntnissen konstruierten Motor doch etwas viel. Leider zeigt sich der überraschende Benzinverbrauch erst an der Tanke, denn eine Restkilometeranzeige, wie bei manch anderem Hondamodell, gibt’s bei der VFR 1200 F leider nicht.
Mein persönliches Fazit nach einem sehr intensiven Fahrtag auf Mallorca, wo die Straßen nicht unbedingt für die VFR 1200 F gebaut wurden:
Honda hat mit der neuen VFR 1200 F eine tolle voll funktionierende Sport-Tourerin in den harten Kampf der schon vorhandenen Sport-Tourer, wie z. B. der BMW K1300 S, geschickt. Mit Sicherheit werden die seitherigen VFR-Fans und viele andere darüber entzückt sein. Ob es aber gelingt, viele Umsteiger von anderen Sport-Tourer-Herstellern zu gewinnen, das werden die nächsten Monate zeigen müssen. Die Basis zum Über-Sporttourer ist sehr gut, aber die Messlatte, die u. a. von BMW mit der K1300 S sehr hoch gelegt ist, muss zuerst noch übersprungen werden. Die Chance dazu ist da, jetzt liegt es an Honda, ob man diese Chance mit allen möglichen Mitteln auch nutzt. Wenn es schon die elektronischen Hilfen nicht im Serienmotorrad gibt, dann wäre ein Angebot im Zubehörkatalog für die VFR 1200 F doch überlegenswert. Das Interesse an der neuen VFR 1200 F ist bei den Präsentationen und Messen immens groß und lässt die Hondahändler hoffen.
WHEELIES wird einen ganz ausführlichen Test, mit Langstrecke, Soziatauglichkeit, Fahrverhalten mit Koffern und bepackt und ganz besonders mit dem ab Sommer erhältlichen Doppelkupplungsgetriebe auch Dual Clutch Transmission genannt, in den nächsten Monaten durchführen. Die ausführlich gesammelten Erfahrungen gibt es dann selbstverständlich im WHEELIES.
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