Honda Varadero XL 1000Mit der Varadero wollte sich Honda in Sachen bequemster Reise-Enduro ein Denkmal setzen. Die Varadero, die es seit acht Jahren gibt und die markenintern als Nachfolgerin der seligen Africa Twin gilt, wurde in diesem Jahr technisch und optisch aufgewertet. Ein ausgiebiger Test über 2.300 Kilometer auf Autobahnen, Landstraßen und auf engen Pässen in den Alpen sollte Klarheit über die Qualitäten dieser wuchtigen und dennoch schlank und elegant wirkenden Dame bringen. Das aktuelle Modell unterscheidet sich in folgenden Punkten vom Vorgänger-Modell:
- 2-farbige komfortablere Sitzbank,
- neues Heck mit integrierten Blinkern und neu designter Gepäckbrücke,
- schwarze Auspuff-Endkappen,
- zierlichere Seitendeckel,
- Euro-3-konformer Einspritzmotor mit G-Kat,
- Aluminium-Motor-Unterschutz,
- neues grafisches Design auf den Seitenverkleidungen,
- abschließbares Handschuhfach,
- neu gestaltetes Cockpit mit digitaler Verbrauchsanzeige.
Doch bevor es ans Eingemachte geht, bedanken wir uns in aller Herzlichkeit beim Team von Honda Deutschland in Offenbach/Main für die erfahrene freundliche und zuvorkommende Art, die umfassende Einweisung am Bike und dafür, dass uns das voll ausgestattete Topp-Modell mit Seitenkoffern, Topcase und Navigationssystem eine Woche lang zur Verfügung gestellt wurde.Danke auch an Robert, der diesen Kontakt fürs WHEELIE´s geknüpft hat.
Da dieser Maschine der Ruf einer bequemen Reise-Enduro voraus eilt, wird überwiegend im Volllastbetrieb mit Sozia und Gepäck in Koffern und Topcase getestet. Als Krönung steht ein absolut aussagefähiger Eignungstest in Form der COUNTRY RIDER-Tour 2007 an. Das bedeutet konkret: Fünf Tage teilweise extremes Pässefahren in den Alpen der Schweiz und Italiens, vollbeladen mit Sozia!
Endlich aufgesessen, drücke ich auf den Starterknopf. Ein sofort einsetzendes angenehm samtig schnurrendes Vibrieren mit einem singenden Klang hebt meine ohnehin gute Stimmung noch mehr. Ich warte, bis auch meine Sozia Petra das edle Ross bestiegen hat, bevor ich das Navi einschalte. Nach einigen Sekunden ist das System bereit für entsprechende Eingaben über Touchscreen. Die Bedienung ist selbst erklärend und verblüffend einfach - tolle Sache!
Neben der optischen Straßenführung gibt es die Möglichkeit, den Routenverlauf per Headset zu verfolgen. Bis ca. 80 km/h gelingt es mir, der sanften Frauenstimme zu folgen, dann sind die Geräusche so stark, dass nur noch ein Krächzen zu vernehmen ist. Also weg mit dem Ding am Ohr. Die rein optische Verwendung des Navis reicht vollkommen aus. Die hohe Sitzposition verleiht dem Fahrer das erhabene Gefühl, hier auf der Straße der Chef zu sein. Man hat alles im Blick, ohne den Kopf senken zu müssen: die Armaturen, das Navi und alle Schalterelemente.
Da die Außentemperatur trotz guter Handschuhe langsam die Kälte an meine Finger kriechen lässt, drücke ich mit der linken Hand auf den Knopf der Griffheizung auf der rechten Lenkerseite. Kein Problem, aber links wäre es bequemer. Die Heizung verfügt über drei Intensitätsstufen, wobei jeder Knopfdruck einen anderen Status erzeugt, was per LED-Lämpchen angezeigt wird. Ich bin begeistert, im Nu werden meine Hände warm.
Ich halte an, um eine erste Meinung von Petra einzuholen. Beim Bremsen und Anhalten spüre ich das Gewicht; eine unsichtbare Kraft scheint mich von schräg hinten oben umwerfen zu wollen. Ich setze beide Füße auf und halte dagegen, stelle mir so manch klein gewachsenen Biker vor und komme zu der Meinung, dass für dieses Fuhrwerk eine Mindestgröße von 1,85 m bei einem Körpergewicht von mindestens 85 kg vorausgesetzt werden sollte. Die Maschine wiegt vollgetankt, jedoch ohne Koffer und Case, bereits 277 kg. Hinzu kommen mein Gewicht und das meiner Sozia, macht alles in allem flach 460 kg. Dazu kommt der relativ hohe Schwerpunkt der Varadero – vor allem mit vollem Tank. Petra auf jeden Fall ist begeistert. Sie hat durch die noch höhere Sitzposition den vollen Überblick und sieht, was auch ich sehe. Sie sitzt sehr bequem und ihr fällt positiv auf, dass der Sitzbezug aus einem super Material gefertigt sein muss, denn sie rutscht beim Bremsen trotz der glatten Regenbekleidung nicht nach vorn.
Beim Anfahren würge ich den Motor ab. Ey! Was soll das! Gleich noch mal! Komme mir vor wie ein Anfänger. Trotz relativ hoher Standdrehzahl (1.200 U/min) verlangt der Motor eine relativ hohe Drehzahl und ein behutsames Einkuppeln beim Anfahren. Auch der 2. Gang scheint ziemlich lang übersetzt zu sein. Zu frühes Hochschalten wird mit Ruckeln quittiert. Ansonsten beschleunigt die Maschine ohne Leistungsloch gleichmäßig, drehzahlfreudig und stetig hoch. Man erlebt keinen Lucky-Punch, somit auch keine böse Überraschung, wie zum Beispiel das Abheben des Vorderrads gen Himmel.
Auf der Autobahn geht´s richtig ab. Als die Begrenzung auf 120 km/h vorüber ist, will ich es wissen. Im 6. Gang schiebt die Honda zielstrebig vorwärts. Beim Tachostand von 200 km/h (das Navi zeigt 188 km/h) werde ich von hinten angehupt. Ein Kfz mit einem in 3 Segmente aufgeteilten Kreis auf dem Kühlergrill hängt ca. 2 Meter hinter mir. Ich wechsle nach rechts, sehe das Auto dieses Übergeschnappten von hinten – ach, ein Schweizer! Würde ich bei denen so fahren, mein halbes Jahresgehalt wäre futsch!
Dann werde ich von einem eigenwilligen Lkw-Fahrer abgedrängt, der mich zum Bremsen zwingt. O.k., die Kombibremse, die Vorder- und Hinderrad in Kombination mit einem ABS narrensicher verzögert, wirkt gut, aber man muss kräftig zupacken. Es geht wieder rüber auf die Überholspur. Bis 120 km/h leistet das Windschild gute Dienste und hält ebenso wie die Griffschalen den meisten Regen ab, doch dann setzen Verwirbelungen ein, mein Kopf wird hin und her bewegt, das etwas geöffnete Visier vibriert und zittert. Motorrad fahren ist schließlich nichts für Weicheier und wer ganz ohne Wind um die Nase fahren will, soll sich ins Auto setzen. Bei ca. 160 km/h spüre ich den Helm meiner Sozia im Rücken, sie hat die Embryonalstellung eingenommen. Auch ich habe mich etwas kleiner gemacht. Wahrscheinlich sehen wir aus wie die Fahrer im Zweierbob.
Zum ersten Mal tanke ich nach 350 Kilometern, wobei die Tankanzeige noch nicht geleuchtet hat. Ich bin positiv überrascht: Die Varadero hat sich 5,8 Liter Superbenzin gegönnt. Man kann sie auch mit Normalsprit fahren, jedoch sind die Fahrleistungen mit dem hochoktanigerem Saft besser. Was meiner Petra aufgefallen ist: In keinem Drehzahlbereich haben die Spiegel vibriert! Daran können sich viele andere Bikes ein Beispiel nehmen.
Nach der stressigen Autobahnbolzerei geht es wieder auf die normale Straße, gleich in eine verdammt enge Kurve. Das Pferd sträubt sich anfangs und scheut, ich muss es etwas in die Schräglage drücken, dann bringt es uns leicht schaukelnd um die Biegung. Irgendwie habe ich teilweise das Gefühl, nicht online mit der Straße verbunden zu sein. Vielleicht würde ja eine andere Reifenpaarung besser zur Varadero passen als der Bridgestone Trail Wing.
Wie schon erwähnt, wollen wir es bei der „big Honda“ ganz genau wissen. Im Herzen der Zentralalpen, im italienischen Livigno, machen wir fünf Tage Station, um die Reiseenduro mit „voller Montur“ über Pässe unterschiedlichster Güte zu scheuchen. Vom berüchtigten Gavia mit seinen spektakulär-steilen Engstellen bis hin zum flüssigen Bernina mit seinem grandiosen Gletscherpanorama ist alles dabei.
Beim Fahren in sehr engen Kurven und Kehren muss man darauf achten, dass der Motor drehzahlmäßig am Leben gehalten wird. Lieber die Kupplung etwas schleifen lassen und im 1. Gang sicher durchkommen als die Geschwindigkeit zurückzunehmen und im 2. Gang herausbeschleunigen zu wollen. Denn das Bike hat die Eigenart, beim Zurücknehmen des Gases in einen schlafähnlichen Zustand zu verfallen, aus dem es auch beim vorsichtigen Aufwecken mittels Dreh am Gasgriff nach einer Gedenksekunde ruckartig nach vorne springt. Ansonsten verhält sich die Japanerin absolut neutral. Bequemes Dahingleiten – griffige Überholmanöver – „Abtauchen“ in Schräglage – harsche Bremsmanöver – der Reisedampfer berherrscht dies alles mühelos!
Die Zuverlässigkeit des großen Mädchens könnte besser nicht sein. Es springt jederzeit ohne Murren an, ob nach Regengüssen oder im Schneetreiben, das uns Anfang September in Livigno überraschte. Die Bremsen büßten auch nach langer Fahrt abwärts und teils langen Bremsphasen nichts von ihrer Wirkung ein.
Alles in allem ist Honda mit der Varadero ein absolut ausgereiftes Bike für lange Touren (auch zu Zweit) gelungen, das in Sachen Handlichkeit und Beherrschbarkeit gewisse Anforderungen an die Erfahrung und Körperlichkeit des Fahrers stellt.
Technische Daten
Motor: flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V-Zweizylindermotor mit elektronischer Saugrohreinspritzung (Euro 3) und G-Kat Hubraum: 996 ccm Bohrung x Hub: 98 x 66 mm Verdichtung: 9,8 : 1 Leistung: 69 kW (94 PS) bei 7.500 U/min, max. Drehmoment 98 Nm bei 6.000 U/min Fahrwerk / Bremsen: Brückenrahmen aus Stahl, Telegabel mit 43-mm-Standrohren, Zweiarmschwinge aus Aluminium mit Zentralfederbein, LM-Gussräder (vorn: 2.50 x 19; hinten: 4.00 x 17), Doppelscheibenbremse mit Dreikolben-Schwimmsätteln vorn, Einscheibenbremse mit Dreikolben-Schwimmsattel hinten, Kombibremse mit ABS
Maße und Gewichte: Gewicht fahrfertig (ohne Koffer und Topcase): 277 kg, zulässiges Gesamtgewicht: 477 kg, Zuladung maximal: 200 kg Tankvolumen: 25 l, davon 4 l Reserve
Messwerte Vmax solo: 203 km/h Durchzug: 50 – 120 km/h solo: 8,3 sec, zu Zweit: 9,8 sec Verbrauch: Landstraße: 5,6 l/100 km, Autobahn (130 km/h): 5,9 l/100 km, Reichweite über 400 km
Kosten incl. Nebenkosten Basispreis: 10.290 Euro, Preis Testmotorrad: 12.290 Euro 2 Jahre Garantie ohne km-Begrenzung | |