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Zwei Wochen auf Harleys durch den Südewesten der USA

Am Desert View-Aussichtspunkt werfen Peter, Weggo und ich noch einen letzten Blick in die gigantischen Schluchten des Grand Canyon. Ab Cameron ist es dann schließlich vorbei mit der abwechslungsreichen Felsenlandschaft entlang des Highway 64. Wir biegen nach Norden ab, wo unsere Harleys uns durch eine monotone Wüstenlandschaft geleiten. Erst die letzten rund 20 Meilen vor Page künden rote Felsblöcke wieder eine interessante Landschaftsveränderung an. Das einst verschlafene Nest Page hat sich seit dem Bau des Glen Canyon Dam, der den Colorado zum Lake Powell aufstaut, zu einem blühenden Wassersportort gewandelt. Der nach dem Lake Mead zweitgrößte See der USA bringt es durch die Vielzahl seiner Seitenarme auf eine Uferlänge von über 3.100 Kilometer und ist damit länger als die gesamte Pazifikküste der USA. Doch auch hier ist der verheerende Rückgang des Wasserspiegels nicht zu übersehen!

Mit dem Antilope Canyon hat Page aber ein weiteres Juwel zu bieten, welches jeder Besucher in dieser Gegend unbedingt gesehen haben sollte! Fotografen haben hier Chancen auf den „Schuss ihres Lebens“! In einem ausgetrockneten Flussbett tut sich ein schmaler Spalt auf, durch den man in eine unterirdische Phantasiewelt gelangt. Bodenerosion hat hier ein Wunderwerk aus Felsformationen geschaffen, welches durch den Einfall von Sonnenlicht in prachtvollen Farben und Formen erstrahlt. Am späten Vormittag erzeugt das Sonnenlicht sogar spotartige Lichtsäulen. Der (happige) Eintritt von 26 Dollar pro Person ist jeden Cent wert. Wir haben sogar das Privileg, dass uns unser indianischer Führer während unseres Ganges durch die Unterwelt mit mythischen Klängen auf seiner Gitarre begleitet. Gitarrenklänge der etwas anderen Art, nämlich toll gespielter Folk, Country und Blues, genießen wir am Abend in einer Westernbar. Lindi, die gut gebaute Barkeeperin, überzeugt mit ihrer grandiosen Janis Joplin-Stimme. Nachdem Weggo keine Ruhe gibt, lasse ich mich nach einigen Mut bringenden Whiskeys zu einem „Ring of Fire“-Duett mit ihr hinreißen.

Bleiben wir beim Genre der Western. Unzählige Filme mit John Wayne, Robert Mitchum und anderen Filmhelden, Tom Hanks als Forrest Gump, sowie die Werbestreifen einer bekannten Zigarettenmarke mit Cowboy-Image haben unseren nächsten Zielort so richtig bekannt gemacht: das Monument Valley im Reservat der Navajo-Indianer, an der Grenze zwischen Arizona und Utah gelegen. Vor allem am frühen Morgen oder abends vor dem Sonnenuntergang bietet die Kulisse mit den berühmten Gesteinsformationen einen unvergesslichen Anblick. Wer möchte, kann sich von den Indianern, unter deren Verwaltung das gesamte Gebiet steht, mit Jeeps durch das Tal schaukeln lassen. Wir verzichten darauf und decken uns an den Bretterbuden der Navajos am Wegesrand mit tollem „Handmade“-Indianerschmuck ein. Schließlich sollen unsere Frauen zu Hause auch nicht ganz leer ausgehen, wenn ihre Herren der Schöpfung schon mal auf großer Fahrt sind!

Nach Mexican Hat verlassen wir den Highway 163 und biegen auf eine kleine Straße in Richtung Natural Bridges National Monument ab. Vor uns türmt sich eine mächtige Felswand auf. Erstaunt halten wir an und kontrollieren auf der Karte nochmals den Straßenverlauf. Sind wir hier richtig? Endet die Straße am Fuße des Felsmassivs? Keiner von uns kann in der senkrechten Wand eine Auffahrt erkennen! Doch die gibt es tatsächlich: Das Asphaltband geht in eine abenteuerliche Schotterpiste über, die sich, nahezu unsichtbar, in die Abrisskante des Massivs einfügt. Da haben wir mit unseren mächtigen Metallbrocken ganz schön zu kämpfen, bis wir oben auf dem Utah Hochplateau angekommen sind. Welch grandioser Ausblick bietet sich uns von dort auf die unter uns liegende Prärielandschaft! Auf dieser mühsam erklommenen riesigen Hochebene werden wir uns nun die nächsten Tage bzw. rund 2.000 Kilometer aufhalten. Zuerst bestaunen wir die Natur-Steinbögen, genannt Arches, im Natural Bridges Monument. Vor dort folgen wir einer absoluten Traumstraße, dem Highway 95, der uns mitten durch zauberhafte Canyons mit den unterschiedlichsten Gesteinsformationen führt. Hinter jeder Biegung erliegen wir der Verlockung anzuhalten und unsere Kameras heiß zu schießen!

Ab Hanksville machen wir einen großen Schlenker zum Arches Nationalpark. Auch dieser Umweg ist jede Meile wert. Über 1.000 Natursteinbrücken gibt es in diesem Park zu bestaunen. Darunter auch das Wahrzeichen Utahs, den Delicate Arch und der größte Naturbogen der Welt, den Landscape Arch. Beide sind auf einer kleinen Wanderung auf interessanten Trails zu erreichen. Als Peter sich nun auf die ultimative Fotosafari begibt und Weggo versucht, einem frauenlosen Herrenhund das Apportieren beizubringen, mache ich es mir auf meiner Road King bequem. Und siehe da: Das Teil taugt auch vortrefflich als Ruhestätte. Zu einem erholenden Schläfchen reicht es auf jeden Fall!

Auf einen Besuch im nahe liegenden Canyonlands Nationalpark müssen wir aus Zeitgründen leider verzichten. So nehmen wir die Interstate 70, die sich auf diesem Abschnitt in einer phantastischen Kulisse, wie auf einer Berg- und Talbahn, auf fast 3.000 Höhenmeter schraubt, um unser nächstes Ziel, den Capitol Reef Nationalpark, schnellstmöglich zu erreichen. Seit Green River haben wir auf über 100 Kilometern schon keine Ortschaft mehr gesehen und auch die Ausfahrt Richtung Torrey liegt irgendwo im landschaftlich wunderschönen Nichts! Zuerst freuen wir uns über die einzelnen Schneereste, die im Laufe der weiter ansteigenden Straße in den schattigen Waldtälern in der Mittagssonne glänzen. Als dann der Wald weniger, dafür der Schnee immer mehr wird und dazu ein eisiger Wind bläst, wünschen wir uns die Temperaturen von Phoenix oder Las Vegas zurück. Trotz Windschild, langem „Liebestöter“ und drei Pullovern(!) unter der Lederjacke frieren wir uns den A…. und mehr noch die Fingerkuppen ab. Als wir in Torrey in unserem Motel eintreffen, zittern wir derart, dass wir sogar den heißen Kaffee verschütten. Was tun, um wieder warm zu werden? Natürlich, man(n) geht ins Freibad! Nein, die Kälte hat uns nicht den letzten Rest Verstand geraubt. Mit Freibad meine ich den wohltuenden Hot-Whirlpool, der zum hiesigen Best Western Motel gehört. So sitzen die drei Desperados im mollig warmen Wasser, während ein garstiger Eiswind Schneeflocken um die Häupter treibt.

Aufgrund der unsicheren Witterung verzichten wir auf eine Weiterfahrt und nehmen dafür den Capitol Reef Nationalpark näher unter die Lupe. Kernstück dieses Parks ist die Waterpocket Fold, eine fast 150 Kilometer lange geologische Formation aus Felsen und Felstürmen, die sich in Nord-Süd Richtung erstreckt. Auf unserer Fahrt durch den Park fahren wir immer wieder an herrlich weiß blühenden Aprikosen-, Pfirsich-, Kirschen-, und Pflaumenbäumen vorbei. Mormonen-Siedler haben einst dieses karge Land urbar gemacht und mit den Obstplantagen ihre Lebensgrundlage gesichert. Historische Gebäude, wie eine kleine Farm oder ein Holz-Schulhaus, bieten Einblicke in das Leben dieser Pioniere im 19. Jahrhundert.
Herrlicher Sonnenschein empfängt uns am nächsten Tag. Das Thermometer hat aber trotzdem Mühe, die Null-Grad-Grenze zu erklimmen. Dick eingemummt nehmen wir nun eine der Traumstraßen der USA unter die Räder: den Scenic Byway (reizvolle Nebenstraße) No 12. Völlig zu Recht gilt der nun folgende Abschnitt unserer Tour als eine der schönsten Straßen der gesamten USA. Buchstäblich hinter jeder Kurve der über 200 Kilometer langen Strecke überbieten sich die Sehenswürdigkeiten. Auf dem Weg nach Boulder windet sich die Straße über den Hongsback, einen Bergkamm mit steil abfallenden Klippen auf beiden Seiten des Highways. Hier ist spektakuläres „Harley-Swinging“ bei gleichzeitigem „Sightseeing at it’s best“ angesagt. Der höchste Punkt führt uns bis auf 9.600 feet (ca. 3.200 m). Trotz der riesigen Schneefelder sind die Temperaturen jetzt zur Mittagszeit weit humaner als am gestrigen Tage. So können wir ohne Schüttelfrost die kolossalen Birkenwälder bestaunen, die im März leider noch kahl sind. Hoch oben am wolkenlosen Himmel zieht ein stolzer Adler einsam seine Kreise. Einfach Urlaub vom Feinsten – da soll mir noch einer mit Ballermann und Co. kommen!

Als größtes Amphitheater der Welt wird der Bryce Canyon bezeichnet – wahrhaftig ein berauschendes Festival von rot-orangen Gesteinstürmen, die eine einzigartige Kulisse bilden. Ein 30 Meilen langer Scenic-Drive führt zu den interessantesten Aussichtsplattformen des Nationalparks und gibt beeindruckende Blicke über die großartige Szenerie des „Theaters“ frei. Für Wanderer ein Paradies ohnegleichen!

Apropos Wandern: eine sehr gefährliche Angelegenheit! Mehr dazu gleich. Vorher durchqueren wir in den Abendstunden noch den Red Canyon im Dixie National Forest. Wie der Name schon sagt, eine Orgie von roten Felsen, die entlang der Straße in der Abendsonne leuchten, als würden sie von einer Batterie von Scheinwerfern angestrahlt. Als ausgezeichnetes Fotomotiv machen sich die beiden Tunnels, die man beim Bau der Straße in die roten Felsmassive gesprengt hat. Auch Peter bannt es auf Chip, als Weggo und ich unsere V2´s durch die Felslöcher donnern lassen.

70 Meilen sind es nun noch zum Zion Nationalpark, den wir als Abschluss unserer Tour besichtigen wollen. Die Nacht verbringen wir im Best Western „Zion Thunderbird Lodge“, wo wir uns im sehr guten Restaurant ein herzhaftes Steak mit zünftigen Westernbohnen auf der Zunge zergehen lassen. Schließlich wollen wir den Zion NP nicht nur auf unseren Harleys erforschen, sondern nach nun 4.000 Kilometern im Sattel auch mal die Wanderstiefel schnüren. Wenn man von der Ostseite einfährt, fallen zuerst die schachbrettartigen und kegelförmigen Steinsformationen auf, durch die sich die Straße schlängelt. Durch einen langen Tunnel, den höhere Fahrzeuge wie Busse oder Wohnmobile aufgrund der niedrigen Deckenwände nur in der Mitte befahren dürfen, gelangen wir in den unteren Teil des Parks. In den Zion Canyon zweigt eine Seitenstraße ab, die sich entlang des gleichnamigen Flüsschens schlängelt. Am Ende stellen wir unsere Harleys ab, denn von nun an geht es nur noch per Pedes voran. Zwei übereinander liegende Plateaus sollen durch herrliche Wasserfälle miteinander verbunden sein. Dieser Szenerie wollen wir uns natürlich nicht entziehen! Und tatsächlich: Von einer Felsnische stürzt das Wasser herab und füllt unter sich ein kleines Bassin. Auf dem Weg zum oberen Plateau passiert es schließlich. Bei einem gewagten Schritt von einem Stein zum anderen durchzuckt mich ein stechender Schmerz, als ich mir, schräg aufkommend, das Knie verdrehe. Meine beiden Kumpels müssen mich auf dem gesamten Rückweg stützen, damit ich die Strecke überhaupt schaffe. Erst ein eingeworfenes Schmerzmittel und eine Tube Voltaren in den nächsten Tagen bringen Linderung. So reift in mir die Erkenntnis: 4.800 Kilometer – so viel sind es, als wir am nächsten Tage unseren Aus- und Endpunkt Las Vegas erreichen –, sind nicht so gefährlich wie ein Wandertag. Ja, ich weiß schon, warum ich mir das Motorradfahren als Hobby ausgesucht habe!
Den Tag in Las Vegas nutzen wir als Shopping-Tag. Eingekauft werden so lebenswichtige Dinge wie Cowboyhüte, Barbeque-Saucen und T-Shirts. Auch der riesige Harley-Shop wird um einige Hemden, Shirts und sonstige Andenken erleichtert. Schließlich hat uns Dreien die Fahrt auf den Eisenhaufen aus Milwaukee einen wahnsinnigen Spaß bereitet, bei aller Skepsis, die vorher geherrscht hatte. So stimmt es uns schon traurig, als wir unsere Bikes am späten Nachmittag bei der EAGLESRIDER-Agentur abgeben. Wir sind uns einig, dass wir ein großartiges Abenteuer erleben durften, unendliche Freiheit mehr als einmal gespürt haben, als wir durch die einzigartigen Landschaften des wahren Wilden Westens „geritten“ sind, nur das Beben des V2 unter uns, das Rauschen des Windes in den Ohren und den Blick frei auf die faszinierendsten Naturszenarien.
Einig sind wir uns auch, dass wir noch öfters wieder kommen wollen, um weitere tolle Gebiete unter die „Country Roads“ zu nehmen. Und wiederum einig sind wir uns, dass die erste Mahlzeit, die wir in Good Old Germany nach dem „Genuss“ von vielen schmierigen Hamburgern einnehmen werden, ein, von Tante Hilde zubereiteter, echt schwäbischer Rostbraten mit handgeschabten Spätzle, die in viiiiel Soß´ schwimmen, sein wird!

Ein herzliches Dankeschön an die „Mädels“ von Harley Davidson Germany für das Sponsoring der tollen Fahrer-Outfits – an Thomas von American Motorcycle Tours in 71636 Ludwigsburg (www.am-tours.com) für die prima Organisation bezüglich der Bikes und die wertvollen Tipps – und last but not least unseren Frauen und Familien zu Hause, die uns diese großartige Tour mit ermöglicht haben!




















 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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