Street Rod 2006Schon mit der V-Rod war Harley Davidson in einer für die Amerikaner völlig neuen Dimension des Motorradbaues angekommen. Der gute alte luftgekühlte V45° wurde ersetzt durch einen in Deutschland bei Porsche auf europäische Abgas- und Schallemissionsnormen zu Recht gefeilten Motor. Dieser entpuppte sich dann bei seiner ersten Vorstellung 2001 als „Kraftzwerg“. Denn aus seinen „nur“ 1131 Kubik entließ er ganze 117 PS, noch dazu flüssigkeitsgekühlt und mit ganzen 60° Zylinderwinkel, zu allem Überfluss auch noch kurzhubig, was für das typische Harleypoltern das Aus bedeutete. Was bei den geschwindigkeitsreduzierten Amerikanern nicht so gut ankam, erschloss die etwas sportlichere Harley bei den Europäern neue Käuferschichten. Dieses Marksegment wollen die Jungs aus Milwaukee nun ausbauen mit der in diesem Jahr erschienenen VRSCR, kurz Street Rod oder in aller Ausführlichkeit: - V für die Stellung der Zylinder – R für Racing – S für Street – C für Custom – und noch ein R für Roadster.
Also, was ist nun wirklich neu und oder gar revolutionär an der Street Rod? In Mörfelden-Walldorf in der Nähe von Frankfurt/Main, bei Harley Deutschland stand eine Street Rod, in Vivid Black, zu einer ersten Probefahrt für mich bereit. In ihrer gedrungenen Dragster-Haltung lauerte sie auf unsere gemeinsame Ausfahrt. Bei der ersten Besichtigung des Bikes fiel mir schon von weitem auf, dass die Scheibenräder der V Rod neuen Aluminiumdruckgussrädern hatten weichen mussten. Als ich den Blick dann weiter über das Bike gleiten lies, stelle ich fest, dass ein für Harley absolut unüblicher flacher Lenker verbaut wurde und die Fußrastenanlage eine ganze Motorenlänge, im Vergleich zur V-Rod, nach hinten verlegt wurden. Die Sitzfläche ist um stolze 100 mm nach oben gewandert. In dieser Verbindung war das auf einer Serienharley noch nie zu finden und gibt einem ein sehr direktes Empfinden für die Maschine, was sich schon beim ersten Probesitzen ausgesprochen gut anfühlt.
Die Spiegel sind an ihren etwas kurzen Auslegern so angebracht, dass es einem während der ganzen Fahrt möglich ist den korrekten Sitz seiner Motorrad-Bekleidung zu überprüfen. Möchte man den rückwärtigen Verkehr beobachten, muß sich der Fahrer ordentlich verrenken. Der geänderte Straight-Shot-Dual-Auspuff zeichnet für die angegebenen 3 Mehr-PS im Gegensatz zu V-Rod verantwortlich. Ansonsten gab es nur noch ein paar kleinere Retuschen, wie z.B. an den Armaturen.
Die hauptsächlichen Änderungen, die auch für das neue Fahrgefühl verantwortlich sind, fanden am Rahmen statt. So wurde der Gabelwinkel von 38° auf 32° reduziert. Der Lenkkopfwinkel wurde von 34° auf 30° verändert und der Nachlauf von 99,1 mm auf 110 mm angehoben. Alles in allem ein riesiger Schritt in Richtung sportlicher Auftritt. Was mich beim Durchlesen der technischen Daten sehr erstaunt hat war, dass das Leergewicht um 10kg auf stattliche 295kg Leergewicht angewachsen ist. Doch hier erst mal genug der theoretischen Daten, wie fühlen sich fast 300kg amerikanisches Schwermetall auf bundesdeutschen Landstraßen an?
Also Rollout aus den geheiligten Hallen und das erste Mal den Asphalt unter den Rädern gespürt. Beim Fahren war es die ersten Meter ein völlig ungewohntes Sitzgefühl, dass es in dieser Sportlichkeit auf noch keiner Harley gab. Man gewöhnt sich aber sehr schnell daran und bekommt am Ende gar nicht mehr genug davon. Bis circa 3000 min-1 tut sich der V 60° ein bisschen schwer und rumpelt ein wenig vor sich hin, dann aber setzt sich langsam der Express in Bewegung um sich dann jenseits der 5000er Marke in einen ICE zu verwandeln. Bei 9000 Touren setzt dann der Drehzahlbegrenzer der Harley-Orgie ein sanftes Ende. Wie bei zahnriemengetriebenen Motorrädern üblich, merkt man dabei nichts von irgendwelchen Lastwechselreaktionen. Es nutzt alles nichts, man muss auch bei diesem amerikanischen Produkt ein so archaisches Ding wie eine Fußschaltung benutzen. Zu meiner Verwunderung lässt sich dieses aber sehr leicht und exakt durch alle 5 Gänge schalten, vorausgesetzt es ist einem gelungen die nötige Kupplungskraft aufzubringen. Hier ist halt noch echte Handarbeit gefragt und zwar noch mehr als es einem die Italiener bei ihren Ducatis zumuten. Eine Harley ist halt nur was für echte Männer. Die im 5ten Gang erreichbare Höchstgeschwindigkeit geben die Macher mit 220 km/h an. Eine Geschwindigkeitsüberprüfung mit Hilfe des Tachos war mir allerdings nicht möglich, da dieser weitestgehend außerhalb des Sichtfeldes liegt. Der Motor gibt satte 108 Nm Drehmoment bei 7000 min-1, an das Hinterrad weiter. Mit dieser brachialen Gewalt wird das Harleyfahrwerk gelassen fertig. Es ist mit seiner Dual-Federung hinten und der 43er Upside-Down.Gabel von Showa gut gerüstet. Trotz der fehlenden Einstellmöglichkeiten hat die Gabel ein ausgesprochen angenehmes und neutrales Ansprechverhalten und bietet in fast allen Fahrsituationen einen guten Federungskomfort. Einzig bei kurzen trocknen Schlägen während der Kurvenfahrt reagiert sie etwas über, bleibt aber jederzeit voll beherrschbar. Apropos Kurvenfahrt hier betreten die amerikanischen Erbauer absolutes Neuland, eine Schräglagenfreiheit von 40° gab es bei ihnen nun wirklich noch nicht. Ihre Motorräder sind damit erstmals auch im sportlichen Fahrbetrieb auf der Landstrasse durchaus konkurrenzfähig, so mancher Japaner-Fahrer wunderte sich, dass ich mit der Harley im Rückspiegel eher größer als kleiner wurde. Einmal eingelenkt zieht die Harley unbeirrt wie auf Schienen ihre Kreise. Hier ist der einzige Wehmutstropfen, die serienmäßige Dunlopbereifung, ich würde mir einen Reifen mit etwas mehr Grip wünschen. Na ja, Harley-Fahrer wollen ja nachrüsten und umbauen, warum nicht mal mit den Reifen anfangen.
Um die voll getankt und mit mir beladen, fast 400 kg schwere Fuhre artgerecht zu verzögern hat Brembo die entsprechenden Stopper geliefert. Mit vorne zwei und hinten einer 300 mm Scheiben wird die Fuhre gut dosierbar, aber im Notfall auch rabiat zum stehen gebracht. Voll getankt bedeutet bei der Street Rod, dass man 19 Liter Super Bleifrei mit sich führt. Dass sind präzise 5 Liter mehr als bei der V-Rod. Diese 19 Liter können bei gemütlicher Landstraßenfahrt für fast 300 km, bei Autobahn-Expressetappen oder reiner Stadtfahrt aber auch mal für nur knapp über 200 km ausreichen. Beim Thema Stadt sei noch schnell die Handlichkeit angesprochen, rollt die Fuhre einmal, ist alles in Ordnung, muss sie jedoch einmal rangiert werden ist Routine, gefragt. Denn 295 kg Motorrad mit stolzen 1700mm Radstand und dem kleinen Lenkeinschlag zu manövrieren will geübt sein.
Resumeé: Harley Davidson ist es mit der Street Rod gelungen, ein wirklich sportlich ambitioniertes Motorrad auf die Pneus zu stellen. Der europäische Markt wird sie bestimmt begeistert aufnehmen. Sie ist ein hervorragend verarbeitetes Motorrad, das in allen Lagen eines Motorradfahrerlebens mitspielt. Sicherlich sind 16155€ Grundpreis eine Menge Geld und sie hat ein paar Schönheitsfehler, angefangen von den nachts den eigenen Fahrer blendenden Scheinwerfer über die Rückspiegel bis hin zu den fehlenden Gepäckhacken. Aber ist es nicht genau das was die Harley-Fahrer wollen? Eine tolle Basismaschine mit jeder Menge potential zum Umbau um sich die eigene ganz persönliche Harley zu kreieren. Für mich jedenfalls ist es die erste Harley, die ich mir kaufen würde. Einzig die 16155€ trennen sie und meine Garage ernsthaft.
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