Pass(t) vorzüglichIn Sachen Namensgebung neuer Modelle ist den Herrschaften aus dem Hause Moto Guzzi eine gehörige Portion Kreativität nicht abzusprechen. Breva, Norge, Griso oder Bellagio klingen irgendwie mehr oder weniger nach Abenteuer, Urlaub oder Dolce Vita. Und der Name der neuesten „Bella Machina“ aus Mandello verspricht klar und deutlich Kurvenspaß ohne Ende. Wie sonst könnte man die Modellbezeichnung „Stelvio“ interpretieren? Schließlich handelt es sich dabei um die italienische Bezeichnung für das Stilfser Joch, mit 2757 Höhenmetern die zweithöchste asphaltierte Passstraße in den Alpen und mit 48 engen, direkt aufeinander folgenden Kehren einer der spektakulärsten Pässe überhaupt.
Italien liegt ja bekanntlich näher an Deutschland als Japan und so hat es den Anschein, dass man jenseits der Alpen in letzter Zeit etwas auf die deutsche Zulassungsstatistik geschielt hat. Dort thront ja seit Jahren die BMW GS am Platz an der Sonne. Benelli TreK Amazonas, Moto Morini Gran Passo und vor allem die Moto Guzzi Stelvio würden sich mit dem Konzept der bequemen Reiseenduro gerne eine möglichst große Scheibe vom „Zulassungskuchen“ abschneiden, während die Japaner bei diesem Thema weiter den Dornröschenschlaf der Gerechten (Ausnahme: Honda Varadero) pennen!
Was liegt näher, als den hochbeinigen italienischen Weltenbummler einem ausführlichen Fahrbericht auf vertrautem Terrain zu unterziehen – dem Kurven-Wirrwarr der Trentiner Dolomiten und dem Cappuccino-Flair des Gardasees. Ein wirklich stattliches Bike – dies ist mein erster Eindruck, als die Stelvio aufgebockt vor mir steht. Wie bei einer Italienerin nicht anders zu erwarten ist sie optisch (fast) rundum gelungen. Das „fast“ bezieht sich auf die Fronteinheit mit den zwei glupschaugigen Scheinwerfern, die zwar selten, aber nicht unbedingt als schön zu bezeichnen sind. Mit diesem recht subjektiven Eindruck stehe ich auch nicht allein da, denn dies ist der einstimmige Tenor, überall, wo über die rote Reiselady diskutiert wird. Immerhin, das Motorrad polarisiert!
Auch bei diesem Bike setzt Moto Guzzi wieder auf eine gelungene Mischung aus modernem Ingeniering und traditionellem Motorradbau. Der Tradition verpflichtet ist natürlich der luft-ölgekühlte Zweizylinder-90-Grad-V-Motor, hier allerdings in der 4-Ventiler-Ausführung, der auch schon in der großen Griso seinen Dienst versieht. Wirklich feine Ausstattungsfeatures, wie die informative Bordcomputereinheit, die schicken LED-Rückleuchten, die massive Gepäckbrücke, das verstellbare Windschild, das praktische Seitenfach oder die komplett einstellbaren Federelemente, machen deutlich, dass sich die Stelvio absolut auf der Höhe der Zeit befindet. Erst mal aufgesessen, kommt dir sofort in den Sinn: „Die haben mir meinen Fernsehsessel geklaut!“ Phantastisch mega-bequem wird der Allerwerteste auf dem großzügig bemessenen Polster gebettet. Die gesamte Sitz- bzw. Körperhaltung hinter dem breiten Lenker ist optimal gelungen! Um es vorweg zu nehmen, auf unserer gesamten Testtour (rund 2000 km) nach und in Italien habe ich nie den Wunsch, aufgrund irgendwelcher schmerzenden (Hinter-)teile, nach einer längeren Pause verspürt. Ich hätte mit diesem Motorrad an einem Stück um die ganze Welt fahren können – sehr zum Leidwesen meiner Mitreisenden!
Meine Sozia Ute war ebenso voll des Lobes ob der saubequemen Hinterbank, die dank der Erhöhung auch noch Panoramablicke, vorbei am Helm des Piloten oder darüber hinweg, bietet. Die ersten 200 Kilometer Autobahn sind aufgrund des guten Windschutzes der Guzzi auch kein Problem. Die manuell verstellbare Verkleidungsscheibe leistet gute Dienste. Gerade in der niedersten Einstellung befreit sie den Oberkörper wirkungsvoll vom Winddruck. Lediglich im ausgefahrenen Zustand sorgt sie für einige Verwirbelungen im Helmbereich. Im Fahrwerk ist ab 180 km/h etwas Unruhe zu spüren – ein leichtes Pendeln, welches jedoch ziemlich harmlos und eventuell auf die mitgeführte Gepäckrolle zurückzuführen ist.
Runter vom Highway und hinein ins Kurvengetümmel. Verwunderung stellt sich ein: wo sind denn plötzlich die gut 270 Kilo geblieben?! Völlig leichtfüßig tanzt die Stelvio durch Kurven jeglicher Art. Man könnte meinen, sie bettelt regerecht um Schräglagen. Die Präzision, die sie dabei in punkto Linientreue an den Tag legt, ist nur mit dem Wort „spitzenmäßig“ zu definieren. Nicht das geringste Wackeln oder Schaukeln ist dabei zu spüren. Die Rückmeldung über den unter die Räder genommenen Straßenbelag ist ebenso phantastisch. Dass die Italienerin doch recht straff abgestimmt ist, tut dem sehr guten Reiskomfort keinen Abbruch – ganz im Gegenteil: ist die fahrwerksseitig Spaß fördernde Leichtigkeit doch mit ein Verdienst dieser Abstimmung. Dieser erste, rundum gelungene Eindruck wird sich während der gesamten „Tour de Alpes“ immer wieder bestätigen. Also, alles paletti? Vorhang zu! Nächstes Testbike! Mit Nichten! Die Wolken verdichten sich am anfangs so azurblauen „Stelvio-Himmel“ – und das ausgerechnet an der so Moto Guzzi-traditionsverwurzelten V-2 Antriebseinheit. Das herrlich-sonore Bollern aus der Auspuffanlage verspricht im Stand zumindest akustisch eine gehörige Portion Dampf. Der setzt ab ca. 1500 Umdrehungen auch vehement ein. Sauber zieht die Stelvio an, hängt dabei stramm am Gas – doch urplötzlich, ab der Zahl 3500 auf dem Drehzahlmesser fällt die „Rote“ in ein mordsmäßiges Loch, aus dem sie sich erst bei gut 5000 Umdrehungen wieder heraus hangelt. Dann aber geht sie ab wie „Schmidts Katze“ bis in den 8000er-Bereich hinein!
Unsere Freaks aus der Sportlerfraktion mögen jetzt jubeln: „Toll, genau das, was wir brauchen-ein beherzter Ritt auf der Reise-Sport-Kanonenkugel!“ – für alle übrigen „User“ des Bikes sieht die Sache schon etwas differenzierter aus. Der Drehzahlbereich, in dem die Guzzi sich zwar redlich müht, aber auf keinen grünen Zweig kommen will, ist eben der Bereich, in dem der Reise-Tourist meist zu Hause ist. Während beim gemütlichen Dahinzuckeln auf dem flachen Land im Solobetrieb dieses Manko nicht so ins Gewicht fällt, wird es mit zwei Personen inklusive Gepäck und dann noch auf den gefahrenen steilen Passstraßen im Trentino umso mehr deutlich. Lässige Überholmanöver, so kurz nach einer Kehre aus dem Handgelenk geschüttelt – is nich! Da ist man gut beraten, die Schaltklaue des sauber und exakt zu schaltenden Getriebes ein- oder besser zweimal nach unten zu kicken. Allerdings verlangt die Kupplung dabei nach einer starken Hand.
Durchweg gute Noten darf die Bremsanlage für sich beanspruchen. Einwandfreie Verzögerungswerte lassen sich mit der radial verschraubten Vierkolbenanlage erzielen. Dabei hilft auch die hintere Bremse ordentlich mit, ohne gleich auf Block zu gehen. Auch nach langer Passfahrt im voll beladenen Zustand zeigen sich keinerlei Verschleißerscheinungen bzw. ist kein Nachlassen der Bremswirkung spürbar. Da schreckt auch die plötzlich in der Kurve stehende Kuh am Manghen-Pass oder der auf der falschen Seite entgegenkommende Fiat 500 auf der Gardasee-Occidentale nicht wirklich. Ein von Brembo entwickeltes ABS ist bisher allerdings noch nicht erhältlich, sollte aber eigentlich zu Beginn des nächsten Jahres für die Stelvio zu haben sein. Fazit: So manch einer wird jetzt sagen: „Da bringt endlich mal einer eine wirkliche Alternative zur GS auf den Markt und dann so ein Fauxpas mit dem Drehmomentloch!“ Jetzt mal ganz langsam! Zuerst darf man, auch ohne Italo-Brille vor den Augen, ganz objektiv feststellen: Die Stelvio ist ein wirklich klasse Motorrad!
Die Ergonomie und der Komfort der Italienerin ist nur mit einem Wort auszudrücken: SPITZENKLASSE! Das Fahrwerk ist ebenso über jeden Zweifel erhaben. Selten habe ich ein Bike erlebt, welches sein Gewicht im Fahrbetrieb so effektiv kaschiert. Es macht einfach nur Laune, den Brummer durch Kurvengetümmel jeglicher Art zu „werfen“. Dabei spielt der Straßenbelag absolut keine Rolle – die Guzzi zieht wie auf Schienen ihre Bahn und bügelt alles glatt! Und darf die Sozia oder der Sozius mit auf die Reise, so ist sicher, dass von den „Hinterbänklern“ kein „Gebruddel“ über einen unbequemen Platz kommen wird. Wäre jetzt noch der Motor, dessen Sound, wie bei jeder Moto Guzzi, süchtig machen kann: Der gehörige Hänger im genannten Drehzahlbereich ist deutlich zu spüren, da beißt die Maus keinen Faden ab! Für alle, die sich jetzt mit Frust abwenden und schon mit der Kreditkarte zum BMW-Händler unterwegs sind, eine gute Nachricht: Roland Däs, von der Firma Däs-Mototec im schwäbischen Birkenlohe, einer der Guzzi-Spezialisten überhaupt, haucht mit Einsatz eines Power-Commanders dem Aggregat echtes, praxisgerechtes Dampfhammer-Leben ein. Eine Probefahrt auf der Vorführmaschine der Fa. Däs hat mich uneingeschränkt begeistert und lässt den Motor in einem ganz anderen Licht erscheinen. Und siehe da, schon ist der böse Spuk verschwunden – und die Stelvio „passt“ vorzüglich!
Infos unter www.daes-mototec.de Danke an Moto-Guzzi Deutschland für die Bereitstellung des Motorrads.
Technische Daten und Messwerte:
Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-90-Grad-V-Motor Hubraum: 1151 ccm Leistung: 105 PS bei 7500 U/min. Max. Drehmoment: 108 Nm bei 6500 U/min.
Federweg v/h: 170 / 155 mm Gewicht vollgetankt: 270 kg Zul. Gesamtgewicht: 475 kg Tankinhalt: 18 Liter Sitzhöhe: 830 – 875 mm (3fach einstellbar)
Fahrleistungen: V-Max. ca. 220 km/h Beschleunigung 0 – 100 km/h 3,9 sek. Durchzug 60 – 100 km/h 5,3 sek. 100 – 140 km/h 7,3 sek.
Verbrauch: 5,0 Liter Super/100 km (Landstraße)
Preis: ca. 12.800 Euro (inkl. Nebenkosten)
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