Siebenrock GS2, sportlicher Kurvenfeger mit hohem SuchtfaktorAuch in Zeiten, in denen Motorräder mit viel Steuerelektronik die Regel sind, muss man kein ewig Gestriger sein, um die Faszination der alten Zweiventil-Boxer von BMW zu spüren. Im Gegenteil, die Szene ist lebendig und Zweiventiler gesuchter denn je. BMW-Spezialist Siebenrock aus dem schwäbischen Wendlingen hat sich ganz den klassischen Boxern verschrieben und bietet neben Ersatzteilen, Gebrauchtmotorrädern und Werkstattservice auch Umbauten, die sich sogar im Vergleich mit aktuellen Modellen durchaus sehen lassen können.
Die mittlerweile fast legendären Leistungssteigerungssätze aus dem Hause Siebenrock haben schon so manch braver R 80 oder R 100 einen zweiten Frühling beschert. Dabei ist der Big Bore Kit die wohl ambitionierteste Entwicklung der Wendlinger. Er soll allen 1000er BMWs ab Baujahr 1981 zu ungeahnter Power verhelfen. „Gewaltige 1070 Kubik Hubraum, echte 78 PS und ein bärenstarkes Drehmoment von 94 Nm“ verspricht der Katalog. Erreicht wird dieses Leistungsplus im Wesentlichen durch einen Zylinderumbau mit edlen gewichtsoptimierten Bauteilen und eine speziell darauf abgestimmte asymmetrische Nockenwelle. Theoretisch ein Quantensprung für eine R 100 GS, die im Serienzustand 980 Kubik, 60 PS und 76 Nm Drehmoment hat. Aber fährt sich eine Siebenrock-GS wirklich so anders als der Serienboxer? Wir sind gespannt und fühlen dem völlig unspektakulär „GS 2“ getauften Big Bore-Umbau auf der diesjährigen WHEELIES-Korsika-Reise gehörig auf den Zahn.
Dass die GS 2 weder gutmütiges Brot-und-Butter-Motorrad noch behäbige Tourenschaukel sein will, macht schon der erste Blick unmissverständlich klar. Mit der auffälligen orange-blauen Lackierung, einem im Gegensatz zur Serie deutlich verkürzten Heck, sportlicher Einzelsitzbank und der kleinen Lampenmaske wirkt sie alles andere als bieder. Ein digitaler IMO 100 R von Touratech ersetzt die Original-Instrumente und gibt dem Cockpit einen professionell-puristischen Look. „Untenrum“ steht die Technik im Vordergrund – die ursprünglichen Plastikseitenteile sind ersatzlos gestrichen und den braven Originalauspuff sucht man ebenfalls vergebens. Die stattdessen verbaute schlankere Siebenrock SGS 2-Edelstahl-Auspuffanlage spart nicht nur satte fünf Kilo Gewicht, sondern sorgt für einen kernig dumpfen Sound, der nach dem Motto „Hört her, hier bin ich“ das selbstbewusste Auftreten der Siebenrock-GS edel abrundet, aber erstaunlicherweise niemals nervt. Im Gegenteil, man hört förmlich das Versprechen von Leistung und Spaß.
Doch vor dem Spaß steht die Pflicht, in unserem Fall die Autobahn, denn wir können freitags erst gegen 13.00h in Stuttgart starten – vor uns liegen knapp 700 km bis Genua. Hier schlägt sich die GS 2 beachtlich, von der Leistung her sind Geschwindigkeiten auch jenseits der 160 km/h ein Leichtes. Ab 130 km/h macht sich jedoch der fehlende Windschutz deutlich bemerkbar, so dass wir uns bei dieser Geschwindigkeit einpendeln.
Um nicht nur Autobahn zu fahren, gönnen wir uns in der Schweiz die landschaftlich reizvollere Strecke über den Gotthard, wo die GS 2 ihre volle Leistung ausspielen kann und sich als absolut ebenbürtiger Partner meiner modernen R 1200 GS erweist. Es macht richtig Spaß, zusammen durch die Kehren zu heizen. Beim kurzen Stopp in Airolo steht auch Ralf der Spaß ins Gesicht geschrieben. Als wir nach insgesamt neun Stunden Fahrt gegen 22.00 Uhr in Genua ankommen, ist er außerdem begeistert von der Einzelsitzbank, die in punkto Sitzposition und Komfort eindeutig die Wertung „langstreckentauglich“ verdient. Das Licht gleicht dagegen eher einer Funzel. Auf Nachfrage bei Siebenrock erfahren wir, dass unser Testmotorrad noch eine H3-Lampe hat, die neueren Umbauten aber ausnahmslos über H4 verfügen. Na, dann kein Wunder…
Am anderen Morgen treffen wir den Rest der Gruppe an der Korsika-Fähre und erleben erstmals, was sich während der ganzen Reise bei fast jedem Stopp wiederholen wird: Die Siebenrock-GS zieht sofort alle Blicke auf sich und ein Grüppchen Interessierter versammelt sich um das Motorrad. Selten war es so einfach, ins Gespräch mit begeisterten Motorradfans zu kommen, wie auf dieser Korsika-Tour. Ob beim Sightseeing-Stopp oder an der Tankstelle, überall werden wir auf die GS 2 angesprochen, sei es von Einheimischen oder deutschen Touristen. Selbst die Begegnung mit einem korsischen Motorradpolizisten endet nicht etwa mit einer Überprüfung, ob die ganzen Umbauten auch legal sind – im Gegenteil, der Polizist guckt ganz neidisch und hätte am liebsten getauscht. Optik und Sound sprechen halt für sich. Wir scheuchen den Boxer auf winkligen Landstraßen jeglicher Couleur kreuz und quer über die Insel. Auch der eine oder andere Ausflug auf unbefestigtes Terrain steht auf dem Programm, obwohl unsere Test-GS mit ihrer kompromisslos sportlichen Fahrwerksabstimmung ganz klar in Richtung Straße orientiert ist. Am liebsten mag sie einwandfreien Belag – die auf kleineren korsischen Straßen allgegenwärtigen Bodenwellen und Schlaglöcher können einem schon recht heftig „ins Kreuz fahren“. Die gute Nachricht für eher komfort-orientierte Fahrer: Das voll einstellbare Wilbers-Sportfederbein kann auch weicher.
Dank der gewichtsoptimierten Kolben und Pleuelstangen – allein bei den Kolben wurde im Gegensatz zur Serie über 300 g eingespart – in Verbindung mit einer digitalen Doppelzündung von Silent Hektik glänzt die Siebenrock-GS mit einem für Zweiventiler ungewöhnlich ruhigen und vibrationsarmen Motorlauf. Der Big Bore-Kit gibt sich nur im unteren Drehzahlbereich etwas verhalten, ab ca. 2.500 u/min bis weit über 5.000 u/min geht die Post ab – und das richtig. Das BMW-typische „Drehzahlloch“ zwischen 4.000 und 5.000 u/min ist nicht zu spüren, dafür Leistung und Drehfreude bis zum Abwinken. Kaum zu glauben, dass es sich hier um einen „alten“ Zweiventiler mit „nur“ 78 PS handelt. Da die konsequent gewichtsoptimierte GS mit ihren gerade mal 190 Kilo außerdem extrem handlich und überaus agil ist, dreht man beim spielerischen Tänzeln durch die Kurven den Gasgriff fast automatisch immer mehr auf.
Wo es flott zur Sache geht, ist auch eine ordentliche Verzögerung gefragt, zumal der Motor in der GS 2 bedingt durch die asymmetrische Nockenwelle nicht mehr so stark mitbremst wie beim Serien-Zweiventiler. Letzterer bekleckert sich in Sachen Bremse ja traditionsgemäß nicht gerade mit Ruhm. Unsere Test-GS hat hier deutlich die Nase vorn, denn die Wendlinger haben die originale 285 mm-Bremsscheibe durch eine 320 mm-Scheibe ersetzt, Stahlflexleitungen sorgen für einen besseren Druckpunkt. Naturgemäß kommt dieser Umbau nicht an die Leistung moderner Doppelscheiben-Bremsen heran, aber er ist absolut ausreichend, um sicher zum Stehen zu kommen. Selbst als ich direkt von der 1200er umsteige, fühle ich mich nach einer kurzen Umgewöhnungsphase absolut sicher und jeder Situation gewachsen.
Beim Spritverbrauch kann die Siebenrock-GS dafür locker mit modernen Motoren mithalten, mit durchschnittlich 5,64 Litern auf 100 km liegt sie etwa gleichauf mit den aktuellen Modellen aus Bayern. Öl hat sie auf den knapp 3.000 Kilometern unseres Tests ebenfalls kaum gebraucht.
Das einhellige Fazit von Ralf, Ebbse und mir: Die Siebenrock GS 2 ist ein genialer Kurvenfeger mit hohem Suchtpotenzial für all diejenigen, bei denen Fahrspaß an erster Stelle steht und die zum Reisen einfach Tankrucksack und Gepäckrolle aufschnallen. Sie verzichtet auf unnötigen Schnick-Schnack und fährt sich exakt so, wie es die Optik verspricht – ein sportliches Spaßgerät eben, das zudem nicht an jeder Ecke steht. Wer die bis zu 12.000 Euro scheut, die Siebenrock für eine komplett neu aufgebaute GS 2 aufruft, und einen Serien-Zweiventiler sein eigen nennt, kann diesen auch Stück für Stück oder nur teilweise umbauen. Es lohnt sich auf jeden Fall!
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