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Leben wie Gott in Frankreich

Vielleicht könnt ihr euch noch an das WHEELIE’s 03/06 erinnern. Meine absolute Traumtour mit dem Bike durch die französischen Seealpen musste ich aufgrund der fehlenden Leidensfähigkeit (Arschweh!) meiner Kumpels leider canceln. Dafür haben wir, wie damals im WHEELIE’s beschrieben, einige super Moped-Tage im Trentino erlebt. Diesmal ist sich das Kumpelteam (Schimmel, Axel, Kurt, Gerhard, Rainer und ich) aber einig: Die Seealpen sind nun fällig! Wenn nicht jetzt, wann dann?!

In der Planungsphase geht allerdings schon einiges schief! Der Reisezug, mit dem wir gen Süden düsen wollen, entpuppt sich als viel zu teuer. Ein Hänger für sechs Bikes samt tauglicher Zugmaschine lässt sich nicht auftreiben und dann erreicht unseren Axel auch noch die Nachricht, dass er zur Reisezeit wohl Papa werden wird. Da waren’s bloß noch fünf. Einen Tag vor der Abfahrt die nächste Hiobsbotschaft. Am Telefon ist Schimmel, Landstraßenkapitän einer älteren Goldwing-Dame. Nach launischen Jahren seines „rollenden Sofas“ trifft es ihn diesmal selbst. Die ärztliche Diagnose „Nierenversagen“ macht eine Teilnahme unmöglich. Vier kleine Negerlein bleiben also übrig, die im schwäbischen Fichtenberg, bei Rottalnebel und leichtem Sprühregen die Tour starten. Auf der A5 kommt zum ersten Mal so etwas wie „Highway-feeling“ auf. Den Großstadtmief von Basel schnell hinter uns lassen, um dann später den Genfer See mit mildem Klima und tollen Aussichten bei einer zünftigen Brotzeit genießen zu können. Am Großen St. Bernhard beeindruckt uns Landeier die Übung der Tunnelfeuerwehr, deren Drehkranz am Fahrzeug es ermöglicht, auf der Stelle stehend zu wenden. Im Aostatal ist der erste Cappuccino fällig und bei den angenehmen Sonnenstrahlen flutscht gleich noch die zweite Tasse hinterher. Trotz meines Berufes als „Schweinefleischdesigner“ schmecken mir dazu die leicht gekühlten italienischen Backwaren köstlich. Auch das anwesende „Barfräulein“ ist ein echter Appetithappen, jedoch verfallen meine Kumpels in eine schwer verständliche Hektik und drängen auf die startklaren Mopeds. Den Piccolo St. Bernhard schaffen wir noch am selben Tag und verbringen die Nacht in einem echt russischen Quartier in Italien. Dies lässt zumindest der Stellplatz unserer Bikes, der mit unzähligen Postern und Pokalen russischer Sportler verziert ist, erahnen. Bevor es am zweiten Tag richtig losgeht, steht zuerst die Fahrt zur „Tanke“ auf dem Programm. Diese entpuppt sich als wahrlich historisches Juwel. Uralte Zapfsäulen stehen auf dem Hof, die Inneneinrichtung besteht aus einer schon antiken Holzeinrichtung und als ich die Finger nach der Pistole mit „Senza Piombina“ ausstrecke, klopft mir jemand energisch auf dieselben. Ein altes Mütterchen, wahrscheinlich noch älter als die gesamte Tankstelle, besteht darauf, unsere Tanks persönlich zu füllen. Das nenn’ ich noch echten Service!

Für uns heißt es nun leider unseren Routenplan zu ändern, da der Col de Iseran gesperrt ist. Nichts wird es mit der Schotterpiste im italienischen Teil, die vom Col de Finestre nach Sestriere führt. Stattdessen fahren wir Richtung Col de Madeleine. Meine persönlichen Erwartungen an die Seealpen finden hier ihre Bestätigung. In tiefem Grün liegt das kleine Sträßchen und schwingt sich durch kleine Bergdörfer stetig bergan – bis zum 7. Bikerhimmel! Weiter südlich liegt unser nächstes Ziel: der Col de Galibier. Dort bekommen die schwäbischen Biker heute ihren ersten Cappuccino. In Briancon, Europas zweithöchst gelegener Stadt, bewundern wir die von Ludwig XIV in Auftrag gegebene Festung, die die „Grand Nation“ vor italienischen Übergriffen schützen sollte. Die brütende Mittagshitze treibt uns zur kühleren Höhenluft des Isoard. In einem Punkt unterscheiden sich die französischen Alpenpässe positiv von ihren berühmten Geschwistern in Österreich, der Schweiz oder in Südtirol: Von dem dortigen vor allem in den Ferienzeiten hektischen Treiben spürt man hier fast gar nichts. Allerdings stört auf den schmäleren, fein asphaltierten malerischen Sträßchen der Split, der, meist in den Kurven liegend, zur größten Vorsicht beim „Kurvenwalzer-Tanzen“ mahnt.

Über Guillestre, St. Paul bis zum Fuße des Col de la Bonette, mit 2802 Höhenmetern der höchste Pass der gesamten Alpen, führt unsere Tagesroute. In Jausiers steuern wir ein Hotel an, welches uns „alte“ Herren plötzlich wieder zu jungen Hüpfern werden lässt. Nein, nicht das Hotel, sondern die Besitzerin, eine traumhaft schöne Spanierin, macht mir wackelige Beine, der Magen spielt Achterbahn und meine sonst recht redegewandte „Gosch“ scheint auszutrocknen. Tja, die französischen Alpen haben schon echt tolle Kurven zu bieten!

Nicht unerwähnt möchte ich allerdings das höchst sonderbare Verhalten der Dorfbewohner lassen, die sich gemeinsam mit ihren Partnern zum Abendessen im Restaurant einfinden. Streng getrennt nach Madame und Monsieur nehmen sie an den Tischen Platz. Trotz freundlichem Gruß würdigen sie uns keines Blickes und wenn doch, darf man diesen, stark untertrieben, als unfreundlich bezeichnen. Hat sich bis hier noch nicht herum gesprochen, dass der Krieg schon über 60 Jahre zu Ende ist?!

Am dritten Tag nehmen wir also den König der Pässe, den Col de la Bonette unter die Räder. Nach Benzingesprächen auf der Passhöhe mit einer Bikergruppe aus Tauberbischofsheim zieht es uns auf der „Route Imperiale“ weiter nach Süden. Schon wieder Split, der gegen mein Visier klatscht? Von wegen! Diese „Steinchen“ erweisen sich als sehr weich und es stellt sich heraus, dass mir die vorn fahrenden Jungs das dunkle Resultat des Verdauungsvorganges etlicher Bergschafe an die Birne schleudern.
Wir wählen bei St. Sauveur sur Tinee die schlecht zu findende Abzweigung zum Col de la Cayolle. In Beuil, einem kleinen Bergkaff, gönnen wir uns die schon obligatorische Cappuccinopause. Diese wird gestört vom Lärm einiger PS-strotzender Sportwagen. Ein exklusiver Motorsportclub fährt hier London – Monte Carlo. Einige Kilometer weiter schauen diese kleinen Promis samt ihrer weiblichen Begleitung etwas bedröppelt aus der Wäsche, als sie den kompletten Pass, ohne Chance zum Überholen, hinter drei beladenen Vieh-LKWs herzuckeln müssen. Ein breites Grinsen unter dem Helm möchte ich an dieser Stelle nicht verleugnen. Respekt allerdings dem „Germanenrocker“, der oben am Cayolle mit kurzer Hose und T-Shirt die Aussicht genießt! Die Abfahrt vom Cayolle ist der mit Abstand übelste Streckenabschnitt unserer Tour.

Uns zieht es zum Lac de Serre-Poncon. Bei einer Tankpause sehen wir am Dorfplatz die Männer Boule spielen. Von runden Dingen schon immer angezogen, schaue ich begeistert zu. Die haben die nötige Portion „Gemütlichkeit“ echt intus, stelle ich neidvoll fest. Kurt holt mich schnell wieder in die Realität zurück. Kilometer fressen ist angesagt. Dicke Wolken, gefüllt mit allerlei Feuchtigkeit, zwingen uns allerdings in Corps an der Route Napoleon zum Nachtlager. Der drohende Wetterumschwung ist, welch ein Graus, am nächsten Morgen mit fetten Regenschauern tatsächlich voll im Gange. So fällt unser weiter geplantes „Pässeblasen“ erstmals flach und wir nehmen die E712, die uns durch die Großstädte Grenoble, Chambury und Annecy führt. Nach ausgiebigem Klamottentausch beim französischen Mc Donald’s-Ableger „Quick“, mute ich mir nach Jahren der Fast-Food-Abstinenz einen schmierigen Cheeseburger zu – mit dem Resultat, dass es sicher wieder Jahre dauern wird, bis ich noch einmal in so etwas reinbeiße. Ach, was gäbe ich jetzt für einen echt schwäbischen „Floischkäs-Wegga“!

Ab dem idyllisch gelegenen Städtchen Bellegarde führt unsere Route entlang der französisch-schweizerischen Grenze. Eine wundervolle Gegend. Die Regenwolken sind endlich abgezogen und der Laubwald bündelt die Sonnenstrahlen auf dem nassen Asphalt. Leichter Dunst steigt auf, der von den bewachsenen Felswänden stimmungsvoll eingerahmt wird. Dieses grandiose Naturschauspiel prägt sich wohl für immer in mein Bikerhirn ein. Im Bergarbeiterstädtchen Morez beziehen wir unser letztes Nachtquartier. Das große Angebot an Restaurants lässt uns nochmals von der sagenumwobenen französischen Küche träumen. Dabei soll es dann allerdings auch bleiben! Entweder ist das Gasthaus geschlossen oder die Preise gestatten nur ausgewachsenen Millionären einen Besuch mit gutem Gewissen. Also zurück zu unserem „Heerbergsvater“ und sich dessen Kartoffeln, mit Käse und Schinken überbacken, in den Schlund gestopft. Das weit verbreitete Klischee vom „Leben wie Gott in Frankreich“ ist bei uns zumindest endgültig in den Keller gerutscht.

Die Heimfahrt am nächsten Tag entschädigt für die entgangenen Gaumenfreuden. Der Mount Risoux begleitet uns ein gutes Stück gen Heimat und die Route entpuppt sich zum Ebenbild der „Schwarzwaldhochstraße“. Das beschauliche Flüsschen Saine le Doubs ist lange unser Reisebegleiter an der N437. In St. Hippolyte kürzen wir unsere Reise über die Schweiz ab. Die Strecke durch Wälder und saftige Wiesen bietet bei wenig Verkehr noch einmal absoluten Fahrgenuss. Nach dem monotonen Autobahnbrettern über die A5 und A8 freuen wir uns schon auf die original schwäbische Kultküche und niemals werde ich die ausgelassene Freude von vier französisch-geplagten Schwaben vergessen, als die Teller auf den Tisch kommen, mit (ja was wohl) argentinischem T-Bone-Steak, Spätzle und Soß´!



















 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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