Aprilia Pegaso 650 Strada„Fun, Fun, Fun“ – die Beach-Boys aus dem sonnigen Kalifornien brachten mit diesem Song in den 60er Jahren ihre Lebensfreude zum Ausdruck. Mit „Ich will Spaß, ich will Spaß – ich geb’ Gas, ich geb’ Gas“ mischte ein gewisser Marcus Anfang der 80er auf dem Höhenpunkt der Neuen Deutschen Welle die Charts kräftig auf.
Spaß – für die meisten Biker der Hauptgrund überhaupt aufs Motorrad zu steigen. Spaß soll es machen, abends nach dem Bürostress eine Runde auf der Hausstrecke zu drehen, auf dem Treffpunkt nette Gleichgesinnte bei Benzingesprächen kennen zu lernen, im Urlaub die tollsten Alpenstraßen unter die Räder zu nehmen, das verloren gegangene Gefühl von Freiheit und Abenteuer wenigstens ansatzweise zu schnuppern. So versuchen auch die Motorradhersteller, indem sie das kleine aber bedeutungsvolle Wort „Spaß“ in den Fokus ihrer neuen Modelle stellen, möglichst viele Interessenten auf ihre neuen Bikes zu locken. Vorbei die Zeiten, wo jedes Motorrad gleich aussah – Individualismus ist angesagt. Und der Spaß soll an erster Stelle stehen. Auch Aprilia hat reagiert und ihre neue Pegaso ganz auf den Geschmack der Zeit getrimmt. Heraus gekommen ist eine völlig neue Kategorie von Motorrad.
Einsteigermoped? Reiseenduro? Supermoto? Keine dieser Sparten trifft hier den Nagel auf den Kopf. Aprilia-Chef Roberto Colaninno sieht in ihr einfach ein reines Spaßmobil mit Charakter, bei dem der praktische Nutzen aber nicht zu kurz kommt.
Die Firma „Warm Up“ aus Aalen stellte dem WHEELIE’s den feschen Flitzer für diesen Test zur Verfügung. Danke an Thomy und seine Jungs! Schon im Stand weiß die kleine Italienerin mit schlanker Taille, filigranen 17-Zoll-Rädern, forscher Lampenmaske, Rücklichtern und Blinkern mit Leuchtdioden und bissigem Löwenkopf auf den Tankflanken zu gefallen. Die früheren Endurotage gehören bei der neuen Pegaso der Vergangenheit an. Dies macht auch schon der Beiname Strada deutlich. In der Optik bricht klar der verstärkt auftretende Trend zum Supermoto-Stil durch. Auch in Sachen Antrieb hat man sich von alten Zöpfen getrennt. Die Ära des österreichischen Rotax-Einzylinders, das bisher gemeinsame Herz der alten Pegaso und der BMW F650, ist ab sofort bei Aprilia beendet. Die Strada wird mit dem 660 ccm-Single der Yamaha XT 660 bestückt. Allerdings liegt bei der Italienerin das Drehmoment mit 61 Nm um drei Einheiten höher als bei den Japanern.
Bei der ersten Sitzprobe stellt sich sofort ein Wohlgefühl ein. Mit der niedrigen Sitzhöhe von gerade mal 780 mm peilen die Italiener klar potentielle Wiedereinsteiger und Frauen in der Käufergunst an. Größer gewachsene Haudegen werden wohl zur 95 Euro teuerer Zubehörsitzbank mit 810 mm lichter Höhe greifen. Allerdings kneift, trotz meiner gut 1,80 Meter, überhaupt nichts in den Kniekehlen. Die Sitzposition ist angenehm aufrecht und der nicht zu breite Lenker liegt locker in der Hand. Im Blickfeld das aufgeräumte Cockpit mit digitalem Tacho und analogem Drehzahlmesser. Als nettes Spielzeug erweist sich der Bordcomputer. Auf einem großen LCD-Display manövriert man sich mittels Joystick durch einen ganzen Berg voll abrufbarer „lebensnotwendiger“ Informationen. Gott sei Dank nimmt der Computer dem Piloten das Fahren nicht auch noch ab. Da bin ich ein echt „altbackener Typ“, das möchte ich schon selber tun und genau dies steht jetzt auf dem Programm: 1. Gang, Gas auf und Hoppla, der kleine Feger hebt das Vorderrad wie ein Rüde das Hintergeläuf am Baum. Ein Resultat der extrem kurz übersetzten ersten Gangstufe. Sonst gibt es am sauber zu schaltenden 5-Gang-Getriebe nichts auszusetzen. Auch die Kupplung trennt sauber – wer aber einen verstellbaren Hebel möchte, muss 80 Euro extra abdrücken. Von unten heraus zieht der Japaner in der Italienerin ganz schön vom Leder. Bis 6000 Umdrehungen geht ordentlich die Post ab – darüber hinaus wird’s dann um einiges zäher, bis der Begrenzer ab 7000 Touren der Sache ein abruptes Ende bereitet. Nicht gefallen hat mir an unserem Testbike das Konstantfahrruckeln und der arg ruppige Motorlauf mit derbem Kettenschlagen im niedrigen Drehzahlbereich. Allerdings ergibt sich bei den bisher gefahrenen Tests der anderen Fachmagazine ein total unterschiedliches Bild. So steht zum Beispiel ein tadelloser Motorlauf ohne irgendwelches Geruckel bei einigen anderen Testmopeds einer sehr schlechten Motorabstimmung gegenüber. Möglicherweise wird dieses Problem durch ein Software-Update seitens des Herstellers behoben. Zurück in das Kurvenlabyrinth auf der Schwäbischen Alb. Plötzlich ist er da – der eingangs erwähnte Spaß! Wie ein Hase schlägt die Kleine Haken aller, vom Piloten vorgegebenen Art. Wer möchte und kann, nimmt die Kurven im angesagten Supermoto-Stil. Ich ertappe mich dabei, wie ich von Biegung zu Biegung mutiger werde und das Teil in immer verwegeneren Schräglagen durch die Botanik peitsche. Wenn der Mut zum Übermut wird, ist auf die effektive 320er-Scheibe im Vorderrad 100%-ig Verlass. Ihr darf eine einwandfreie Wirkung und sehr gute Dosierung attestiert werden. Ein ABS gibt es leider noch nicht – dies soll 2006 nachgeschoben werden. Der Federungskomfort der Strada taugt auch für Fernreisetouristen. Kein übertriebener Härtefall, aber auch kein „Altomasofa“. Wer vor hat, mit dem Bike auf große Urlaubstour zu gehen, für den bietet Aprilia ein umfangreiches Tourenpaket an: ein zweifach verstellbares Windschild (110 Euro), ein Gepäckträger (80 Euro), ein Topcase (70 Euro), ein Stoffkofferset (350 Euro) und einen Tanküberzug mit Halterungen für einen Tankrucksack (beides zusammen 185 Euro). Serienmäßig hat die Strada ein echt pfiffiges Staufach im Tank integriert. Dort finden Handy und Geldbeutel Platz. Unter der Sitzbank findet man einen Stauraum für einen Regenkombi oder die Flasche Rotwein für einen lauschigen Abend im Zelt. Auch einer Tour zu zweit stehen angesichts des recht bequemen Soziusplatzes keine größeren Dinge im Weg. Dass Schönheit manchmal seinen Preis hat, zeigt sich darin, dass das Tankvolumen auf magere 16 Liter (gegenüber 21 Litern beim Vorgängermodell) geschrumpft ist. Dies bedeutet in der Praxis: Spätestens nach 250 Kilometern sollte tunlichst nach einer Zapfstelle Ausschau gehalten werden.
Fazit: Mit 6.845 Euro Einstandspreis ist die Pegaso kein Schnäppchen-Angebot, in Anbetracht des gebotenen Gegenwertes aber ein fairer, um nicht zu sagen attraktiver Preis. Man bekommt mit ihr einen „Kurvenwetzhobel“ allerfeinster Sahne unter den Hintern. Ein wunderschönes Bike, mit tadelloser Verarbeitung und mit feinen trendigen Features versehen, nach dem sich nicht nur Frauen umdrehen. Und was auf keiner Zubehörliste zu finden ist und bei diesem Motorrad auch noch serienmäßig erhältlich ist: der Spaß!!! Spaß, der beim Aufsitzen beginnt und erst endet, wenn du die Kleine wieder in die Garage fahren musst. Meine Jutta kann dies nachdrücklich bestätigen. Sie hat sich morgens auf die Strada gesetzt - ist eine Runde gefahren, kam dann wieder zurück, um mir zu sagen, dass sie jetzt eine größere Runde drehen wird, die dann bis in die späten Abendstunden dauerte. Nach dem Foto-Shooting am nächsten Tag haben wir dann ihre, bis dato heiß geliebte Africa Twin verkauft, sind schnurstracks zum freundlichen Aprilia-Händler nach Aalen getigert und haben für meinen Schatz so ein Teil bestellt! Noch Fragen?! | |