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Meyers Motorradstadl



Moto Guzzi / Norge 1200 / 


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Moto Guzzi Norge 1200

Tradition hat auch immer etwas mit Geschichte zu tun. Und wer als Motorrad-Manufaktur immerhin 85 Jahre auf dem Buckel hat, der darf bei der Namensgebung für ein neues Modell mit Stolz in den hauseigenen Geschichtsbüchern graben. Wer den Namen Norge (ital. Norwegen) für ein italienisches Bike für unpassend erklärt, dem sei nachfolgend der Bezug der Marke mit dem Adler als Firmenlogo, zum skandinavischen Nordland erklärt: im Jahre 1928 machte sich Giuseppe, der Bruder von Firmengründer Carlo Guzzi mit der Moto Guzzi GT nach Norwegen auf, um die Standfestigkeit und die Reisetauglichkeit des Motorrads unter Beweis zu stellen. Also liegt es Nahe, dem neuen Gran Tourismo-Tourer den Beinamen „Norge“ zu geben. Wo bisher nur die puristischen Guzzi-Fans als Tourenbegleiter zur angejahrten California greifen konnten, sollen die modernen Linien der Norge neue Käuferschichten, vor allem aus dem bajuwarischen Lager, erschließen. Zwar steht die BMW R 1200 RT mit 110 Pferdchen etwas besser im Futter, jedoch sollte auch mit „nur“ 93 PS ein zügiges und souveränes Vorankommen gewährleistet sein. Für reiselustige Individualisten, die „ihr“ Moped nicht an jeder Ecke/um jede Ecke stehen/fahren sehen wollen, dürfte der italienische „Skandinavien-Express“ durchaus ein intensiver Flirt oder auch mehr wert sein. Ob daraus eine anhaltende Liebesbeziehung entstehen kann, wird eine ausgiebige Fahrt mit der Signora aus Mandello zeigen. Roland Däs von DÄS Mototec aus dem schwäbischen Birkenlohe (www.däs-mototec.de) hat uns sein Vorführmodell für diesen Test zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank hierfür! „Das soll ‚ne Guzzi sein?“ – „Ey, das hätt’ ich den Italienern gar nich’ zugetraut!“ – „Die macht echt was her!“ – dies die ersten drei Kommentare, als ich mit gut 800 anderen Motorradlern mit dem Tourer auf dem Bikergottesdienst in Schwäbisch Hall auftauche. Sofort ist die Norge umringt von einer Schar neugieriger Biker. Dabei ist auch der eine oder andere neidvolle Blick aus der BMW-Fraktion zu beobachten, die mit ihren, noch so hochglanz-polierten Massenprodukten auf so viel Aufmerksamkeit verzichten müssen. Als durchaus stimmig darf man das Design der Norge bezeichnen. Trotz Vollschale ist der Blick auf den traditionellen 90-Grad-V2 und die Krümmerführung nicht versperrt, die Blinker sind formschön in die Verkleidung integriert und die eleganten Koffer fügen sich harmonisch ins Gesamtbild ein. Wann kommt nun der erste Kritikpunkt, wo ich „bruddeln“ darf?! Nach dem Aufsitzen auf keinen Fall! Sofort fühlt sich das Hinterteil umschmeichelt von der komfortablen Sitzbank und ich darf es vorwegnehmen – dies wird auch nach 300 Kilometern „on the road“ kein Stück anders sein. Ein Beweis, dass sich auch die Fußrasten den Idealen der Ergonomie unterwerfen und der hohe und breite Lenker absolut passend positioniert ist. Dabei darf der Pilot schöne Aussichten genießen. Zum einem auf die vor sich liegenden Landschaften, durch eine ausreichend hohe und breite Scheibe und zum anderen auf die liebevoll angeordneten klassischen Rundinstrumente mit Bordcomputer, dessen Informationsfülle vor allem die Technikfreaks begeistern dürfte. Die eleganten Chromspiegel sind eine Gewähr für freie Sicht nach hinten. Kommt bei all dieser „modern art“ überhaupt noch richtiges Guzzi-Feeling auf? Steckt noch das sonore aber durchaus liebevolle Beben des Zweizylinders in diesem Bike? Das donnerartige Grollen aus der Auspufftüte, das jeden echten Biker ins Entzücken versetzt? Der gewisse raue aber entscheidende Charme, der den die Zweiräder aus Mandello del Lario schon in die Wiege gelegt wurde? Nun mal der Reihe nach: Beim Druck auf den Starterknopf erwacht der auf 1151 ccm Hubraum aufgestockte V2 sofort zum Leben. Zwar entweicht der Auspuffanlage ein ziemlich dezenter Leerlaufklang, der dir aber trotzdem unmissverständlich ins Ohr flüstert: „ich bin eine echte Moto Guzzi“. Zum Beweis hüpfen bei jedem Gasstoß die Lenkerenden samt Spiegel auf und ab und die gesamte Fuhre neigt sich auf dem Seitenständer nach rechts. Kupplung ziehen – wow, geht die leicht! – erster Gang mit hörbarem Klack eingerastet und los geht’s! Und zwar mit allem, was wir von einer Guzzi erwarten und was wir an dieser Gattung so schätzen und lieben. Schon knapp über Standgas schiebt der immerhin voll getankt 275 Kilo auf die Waage bringende Reisedampfer ordentlich an um dann ab 4000 U/min die Muckis so richtig zu aktivieren. Bei 5500 U/min liegt das maximale Drehmoment von 96,2 Nm an. Der Drehzahlbegrenzer setzt der „Drehorgie“ dann bei 8000 Kurbelwellenrotationen ein jähes Ende. Wobei der Wohlfühlfaktor ganz klar im unteren und mittleren Drehzahlbereich zu finden ist. Dort ist das altehrwürdige V2-Aggregat in seinem Element. Natürlich darf man, angesichts der zur Verfügung stehenden PS und der vorhandenen Pfunde, weder überschäumende südländische Temperamentsausbrüche erwarten, noch sollte man den Tourer zum „Knieschleifer-Jäger“ missbrauchen wollen. Trotzdem weckt die Art des (Er)Fahrens auf der Guzzi sofort Sympathien für das Bike. Das Sechsganggetriebe bekommt von mir in Bezug auf seine Schaltbarkeit eine glatte Eins. Molto bene! Fahrwerkstechnisch bewegt sich der Skandinavien Express ebenfalls auf einem hohen Niveau. Nahezu ohne nennenswerte Lastwechselreaktionen verrichtet der wartungsarme Kardan in der gewaltigen Einarmschwinge seinen Dienst. Obwohl nur in der Federbasis verstellbar, arbeitet die Gabel sehr feinfühlig. Sie ist genauso wie das Zentralfederbein auf Langstreckenkomfort ausgelegt. Buckel- und Schlaglochpisten werden einfach gerade gebügelt. Trotzdem hält der Tourer sauber seine, vom Piloten vorgegebene, Linie. Selbst in Wechselkurven präsentiert sich das Bike überraschend handlich und lässt sich genüsslich von einen Eck ins Andere „werfen“. Der sehr früh aufsetzende Ausleger des Hauptständers, vor allem in Linkskurven, sorgt bei allzu hastigem Kurvenspeed allerdings für manche Schrecksekunde. Vor allem, weil dieser das Hinterrad katapultartig aushebelt! Die Vierkolbenbremsanlage arbeitet anstandslos und das serienmäßige abschaltbare ABS regelt mit sehr feinen Intervallen. Beim Bremsen aus hoher Geschwindigkeit bleibt die Fuhre dabei stets sicher auf Kurs. Moto Guzzi bietet für den deutschen Markt zwei Ausstattungsvarianten an. Die von uns gefahrene GT-Ausführung bietet neben den formschönen Koffern auch noch beheizbare Griffe. Auf eine elektronisch einstellbare Verkleidungsscheibe muss man allerdings verzichten – so müssen zum Verstellen der Scheibe mit einem Gabelschlüssel erst zwei Hutmuttern gelöst werden. Da stellt sich die Frage, ob man nicht noch einen Tausender drauf legt und sich für knapp 15000 Euro das Topmodell, die GTL-Version, in die Garage stellt. An dieser lässt sich die Scheibe dann elektronisch einstellen. Zudem darf sich der stolze Eigner noch an einem Navigationssystem (wer’s mag), sowie an einem Topcase erfreuen. Wenn wir gerade schon beim Meckern sind: wie erwähnt wird die Guzzi mit wunderschönen Koffern ausgeliefert, die sogar jedem Unwetter zum Trotz absolut dicht sind, sich aber nur sehr fummelig öffnen und schließen lassen. Der An- und Abbau dieser gestaltet sich zudem recht umständlich mittels einem hinter einer Kunststoffblende verstecktem Sicherungshaken. Und will der pflichtbewusste Biker nach dem Ölstand schauen, muss er zuerst mit sieben Schrauben das linke Verkleidungsunterteil abmontieren. Bitte schnell nachbessern! Gut aufgehoben dürfen sich indes der oder die Hinterbänkler/-innen fühlen. Das bequeme Sitzkissen bietet guten Langstreckenkomfort und somit keinen Anlass zum Konfliktstoff auf der Urlaubsreise. Fazit: Eine Moto Guzzi wie wir sie von Moto Guzzi bisher nicht gekannt haben und wohl auch nicht erwartet hätten. Was die Tradition betrifft: der Spagat zwischen den Anforderungen an einen modernen und komfortablen Reisetourer und an das klassische Fahr-Feeling, welches von einer Guzzi erwartet wird, ist prima gelungen. Ein absolut empfehlenswertes Reise-Bike, nicht nur für Individualisten, sondern auch für Chianti-Liebhaber, die auch mal über den weiß-blauen (Weißwurst-)Tellerrand schauen. Die Unzulänglichkeiten gilt es abzustellen, und in dieser Preiskategorie sollte bei allen Ausführungen eine elektronisch einstellbare Verkleidungsscheibe selbstverständlich sein. Die Norge macht schon im Stand Lust auf die große Urlaubstour. Warum eigentlich nicht nach Norwegen?

Technische Daten:

Motor/Getriebe: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor
Zwei Ventile pro Zylinder, geregelter Katalysator, Sechsganggetriebe
Hubraum: 1151 ccm
Leistung 93 PS bei 7250 U/min. , max. Drehmoment 96,2 Nm bei 5500 U/min.

Maße und Gewichte
Gewicht: vollgetankt 275 kg
Zuladung: 217 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Tankinhalt: 23 Liter

Fahrleistungen
V-max.
: 195 km/h
Beschleunigung
0 – 100 km/h 4,3 sek.
Durchzug 60 – 100 km/h 4,8 sek.
100 – 140 km/h 5,1 sek.

Verbrauch: 5,1 Liter Super (Landstraße)
Preis:
13.790 EURO (inkl. Nebenkosten)

 

 












 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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