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Naked Bikes

Du versuchst dein Leben zu leben, wie es DIR gefällt. Ersparnisrechnungen, ob es günstiger ist mit dem Motorrad anstatt mit dem Auto ins Büro zu fahren, sind dir fremd. Beim Motorradkauf zählt bei dir vor allem eins – nämlich Emotionen! Da spielt es eine untergeordnete Rolle, ob das Teil einen vernüftigen Wetterschutz bietet oder ob man das Urlaubsgepäck nebst Zelt für 14 Tage Lago di Garda verstauen kann. Der Spritverbrauch ist trotz Preiswahnsinn an den Zapfsäulen nicht das ausschlaggebende Argument und die PS-wahnsinnigen Futzis, deren Glück auf Erden es bedeutet, bei jeder Runde auf der Nordschleife noch ein paar Zehntel heraus zu kitzeln, entlocken dir nur ein mitleidiges Grinsen. Dein Ideal liegt irgendwo zwischen Steppenwolf und dem Marlboro-Cowboy, scheißegal, ob mit oder ohne Zigarette!

Entspricht dies alles in etwa deinem Wesen, dann solltest du dir die Zeit nehmen und die nun folgenden Zeilen genau lesen, denn es könnte sein, dass du reif bist für einen der von uns getesteten Charakterdarsteller. Vier total unterschiedliche Bikes, die aber neben ihrem Status, dass sie echte Gesichter in der Menge sind, noch etwas gemeinsam haben: dicke Zwei-Zylinder-Motoren stecken in ihren Rahmen – allerdings in unterschiedlichen Anordnungen.

Nehmen wir die erste deutsche Vertreterin in diesem Quartett: die BMW R1200R, die uns freundlicherweise vom BMW-Auto-und -Motorradhaus Mulfinger in Schwäbisch Hall zur Verfügung gestellt wurde. Der „Roadster“ im BMW-Programm verblasst optisch etwas gegen die anderen drei. Sogenannte Normalität muss ja aber nichts Schlimmes sein, denn wie von BMW gewohnt, zeigt uns auch dieses Bike, dass jede Menge Funktionalität in ihm steckt. Fangen wir mit dem Motor an: Erstaunlich drehfreudig geht der luft-ölgekühlte Vierventil-Boxer mit seinen 112 Pferdchen ans Werk. Dabei legt er eine Quirligkeit an den Tag, die einen fast schon ein wenig an Triebwerke aus Italien erinnert, die für gewöhnlich in roten Motorrädern stecken. Dazu läuft er mechanisch angenehm ruhig – nur in den untersten Drehzahlregionen rumort es ein wenig. Bei jedem Gasstoß jubelt die Bayerin spontan hoch. Die Gasannahme ist perfekt. Das Beschleunigen aus der Kurve heraus beherrscht sie prima und dies zusammen ergibt einen hohen Lustfaktor. Dazu kommt, dass es die Münchner Ingenieure anscheinend doch irgendwann noch lernen, Top-Getriebe zu bauen. Diese Sechs-Gang-Box verrichtet ihre Arbeit wirklich geschmeidig, wenn auch akkustisch noch deutlich hörbar. Fahrwerksseitig ist das Teil der Hammer. Mensch, wo sind denn hier die 230 Kilo zu merken?! Zielsicher durcheilt die Weiß-Blaue Kurven jeden Schlages. Dabei spielt der jeweilige Fahrbahnbelag eine untergeordnete Rolle. Fast schon sportlich-knackig spricht vor allem das hintere Federbein an. Nach wie vor gewöhnungsbedürftig ist das Telelever-Federungssystem vorn. Empfindet man das nicht vorhandene Eintauchen beim Bremsen noch als angenehm, so vermisst doch jeder der Tester eine fundierte Rückmeldung über den jeweiligen Straßenbelag. Dafür entschädigt die BMW mit super Bremsen und einem perkekt ansprechenden ABS und vielen durchdachten Features, die leider meist nur gegen saftigen Aufpreis erhältlich sind.
Wem dieses technisch wirklich gelungene Bike dennoch zu bieder erscheint, der sollte sich vielleicht mal auf der Südseite der Alpen umsehen. Dort wird aus den heiligen Hallen von Moto Guzzi in Mandello am Comer See seit letztem Jahr die 1200 Sport auf die Straßen geschickt. Auch Klaus ist dem Charme der schicken Italienerin erlegen und hat für unseren Vergleich sein neues Moped zur Verfügung gestellt und mitgetestet. „Was um alles in der Welt soll an diesem fast 250 kg schweren Trumm denn Sport sein?“, werdet ihr euch jetzt vielleicht fragen. Völlig richtig, denn mit Sportlern vom Schlage einer Ducati 1098 hat die Guzzi wirklich nichts zu tun. In ihr lebt, nennen wir es einmal so, die „klassische Seele“ früherer Sportphilosophie im Motorradbau. Eine sexy sitzende Lenkerverkleidung um ein Motorrad, das sein traditionelles V2-Aggregat mit 1200 ccm, 100 Nm und 95 PS stolz zur Schau stellt. Basis für die Sport ist die große Breva. Schon nach dem Druck auf den Starterknopf ist großes Kino, oder besser gesagt Radio, geboten. Dumpf böllert der mächige V2 im Standgas vor sich hin. Jeder Zug am Gasgriff quittiert die Fuhre mit einer heftigen Aufstellbewegung – ganz als wolle sie sagen: „Los geht’s – ride on!“
„Den Gefallen tun wir dir gerne, Baby!“ Kupplung ziehen – ja sie geht im Vergleich zu früheren Zeiten etwas leichtgängiger, aber eine gewisse Strämme ist nach wie vor vorhanden – und wir geben dem „Italian Stallion“ die Sporen. Das kleine Drehmomentloch bei 3500 U/min. hat wohl auch schon Tradition. Ansonsten katapultiert die bärige Kraft dieser „Dampfmaschine“, vor allem aus dem tiefen Drehzahlkeller, den Piloten von Kurve zu Kurve, immer untermalt von diesem einmaligen Sounderlebnis, wie es eben nur die italienischen Komponisten auf die Reihe bzw. Rohre kriegen! Oben hinaus wirkt der Motor doch recht zäh. Beim Fahren liegen die Hände lässig auf dem überbreiten aber zu flachen Lenker. So müssen sich kleinere Piloten/-innen doch mächtig über den langen Tank strecken. Grund dafür ist das „Breva-Erbe“ mit dem massigen Tank. Ein stärker gekröpfter Lenker würde unweigerlich beim Einschlagen an die breiten Tankflanken stoßen. Wenigstens sitzten die Piloten in der tiefen Sitzmulde richtig prima im Motorrad integriert und die kleine Cockpitverkleidung schützt überraschend gut gegen Wind und Wetter.

Wie auch bei der BMW, gibt das Fahrwerk der Guzzi kaum Anlass zur Kritik. Sauber sprechen sowohl die vielfach einstellbare Gabel als auch das Zentralfederbein mit hydraulischer Vorspannung tadellos an. Die Werkseinstellungen kommen sportlich ambitionierten Fahrern durchaus zugute. Die Vorderbremse verrichtet ihre Sache tadellos, nur die Hinterradbremse blockiert zu schnell. Gegen Aufpreis bieten die Italiener auch ein ABS für das Bike an. Dass unser Klaus schon immer einen guten (südländischen) Geschmack hatte, hat er auch bei der Auswahl seines neuen Bikes bewiesen. Ein echter Charakterdarsteller, zwar mit Ecken und Kanten, aber ein Fan wird gerne das Wort „liebevollen“ davor setzen.

Mit zahlreichen Ecken und Kanten, vor allem optischer Art, ist auch unsere nächste Kandidatin gesegnet, mit der Robert und Ingrid aus der hessischen Mainmetropole Frankfurt angereist sind. Der „Sachsen-Streetfighter“, die MZ 1000 SF. Der böse Blick aus der „Insektenmaske“ signalisiert: Ich bin kein Bike zum Blumenpfücken! Das merkt der Pilot auch sofort, wenn er auf der bequemen Sitzbank Platz gefunden hat, die Arme lässig weit auf dem breiten Lenker ausgebreitet und der Sachsenimme die Sporen gibt. Dem aus dem Sportler 1000 S bekannten Ein-Liter-Aggregat, hier mit gesunden 113 PS, hat die Überarbeitung sichtlich gut getan. Zwar mag das Triebwerk nach wie vor die untersten Drehzahlregionen wie der Hund die Katz, aber schon ab der Drehzahlmitte reißt das Tier kräftig an der Kette, um schließlich, laut aus den beiden Edelstahl-Auspufftüten brüllend, bis in den 9000er Bereich zur Attacke zu blasen. Wenn in dieser illlustren Runde ein Bike den Zusatznamen „Sport“ zu Recht verdient, dann der rassige Streetfighter aus Sachsen. Es bereitet unglaublichen Spaß, die 1000er durchs Kurvenlabyrinth des Kochertals zu prügeln, den Motor mit der richtigen Gangwahl im hervorragend zu schaltenden Sechs-Gang-Getriebe immer auf hohem Drehzahlniveau haltend. Zum „Spaßhaben“ trägt auch das absolut stabile Fahrwerk bei. Im Gegensatz zur BMW erhält man hier eine fundierte Rückmeldung über den jeweiligen Fahrbahnbelag. In den Kurven verhält die MZ sich neutral und zielgenau. Auch das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage, bei vielen Bikes eine gefährliche Unsitte aufgrund überbreiter Bereifung, tritt beim deutschen Straßenkämpfer so gut wie überhaupt nicht auf. Die Bremsen zeigen sowohl hinten als auch vorne keine Schwächen. Leider ist ein ABS nicht erhältlich. Dafür ist die Verarbeitungsqualität hervorragend, wenn man mal vom dilletantisch vernieteten Motorunterfahrschutz absieht, und die Ausstattung mit verstellbaren Handhebeln und einem Staufach unter der Sitzbank kann sich ebenfalls sehen lassen. All denjenigen, die ein Bike suchen, welches nicht an jeder Straßenecke zu finden ist, welches aber trotzdem Top-Qualität und einwandfreie Technik gepaart mit toller Optik verbindet, dem sei ein ernstzunehmender Gang zum MZ-Händler empfohlen.

Einen echten Elefanten im Designer-Dress schicken die Japaner ins Rennen. Die Yamaha MT-01 lässt optisch am besten ihre Muskeln spielen. Und die verteilen sich mit 90 PS auf zwei Zylindern im V-Gewand. Im Verbund mit den gebotenen fast 1700 ccm tut sich mit 150 Nm ein wahres Drehmomentgebirge auf. Und genau das ist es auch, was das Fahren mit der „Dicken“ zum echten Erlebnis macht. Schon knapp über Standgas steht ein enormes Anfahrdrehmoment an – das weitere Aufreisen des Gases quittiert der Brummer mit exzellentem Brachial-Durchzug, begleitet von einem grandiosen bassigen Auspuffsound. Wenn die MT-01 gewaltig nach vorne stürmt, heißt es für den Piloten: gut fest halten am aufrechten und nicht zu breiten Lenker. Sehr gut auch die bequeme Sitzposition – vor allem Großgewachsene fühlen sich auf der Yamaha sauwohl und genießen den gelungenen Kompromiss zwischen sportlich ambitionierter Fortbewegung und Komfort-Anspruch. Nur auf Straßen minderer Güte ist die Japanerin einen Tick zu hart ausgelegt und quittiert Schlaglöcher entweder mit durchschlagendem hinteren Federbein oder starker Aufstellneigung. Ihr Metier sind langgezogene Bögen, die sie, für ihr Kampfgewicht von fast 270 kg, erstaunlich agil und flink durchrundet. Zwei Gänge würden bei diesem Drehmoment-Monster eigentlich völlig ausreichen – fünf hat die MT-01 zu bieten. Diese rasten sauber, wenn auch deutlich hörbar, ein. Die Oberflächen- und Verarbeitungsqualität sowie die Wertigkeit sämtlicher Teile ist vorbildlich. Beim genauen Hinsehen fallen einem wirklich liebevolle Details, wie z. B. die hintere Fußrastenaufnahme, auf. Hier merkt man, dass sich die Ingenieure ohne den Druck des Rotstiftes an diesem Bike austoben durften. Dass sich dies natürlich auch im Preis von fast 14.000 Euro niederschlägt, ist die negative Begleiterscheinung. Ein ABS sucht man auf der Zubehörliste auch vergebens. Und für die Fahrt in den Urlaub hätten die Japaner ihrem Sportroadster ruhig ein paar Gepäckhaken spendierten dürfen. Doch wer einmal das brachiale Fahrerlebnis auf diesem außergewöhnlichen Bike genossen hat, der möchte nie mehr absteigen und dem können auch die fehlenden Gepäckhaken sonst wo gestohlen bleiben! Glaubt es mir – schließlich handelt es sich bei der Test-MT-01 um mein eigenes Bike!




















 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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