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Piaggio / MP 3 / 


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(U)nbekanntes (F)ahr (O)bjekt

„Wollt ihr im WHEELIE’s nicht mal wieder einen Roller testen?“, fragt mich mein Kumpel Golle. Dieser arbeitet im Fiat-Autohaus Gnamm in Gaildorf und sein Chef hätte da ein Gefährt, welches echten und bisher unbekannten Fahrgenuss bieten würde. „Na ja“, denke ich mir, „Rollerfan war ich noch nie und nach all den Ducatis, Guzzis und wie sie alle heißen, die ich zusammen mit Präsi schon getestet habe, kann ich mir gewiss Spannenderes vorstellen. Schließlich ist mir ein saftiges Schnitzel auch lieber als ein Schnittlauchbrot!

Als ich das „Corpus Delicti“, den Piaggio MP3, aber zum ersten Mal sehe, bekomme ich vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Mensch, das Teil ist ja ein Dreirad! Da haben sich die Italiener tatsächlich etwas noch nie Dagewesenes einfallen lassen, einzigartig auf dem Zwei?-Rad-Markt. Ein Parallelogrammgestänge ist zentral mit dem Lenkkopf verbunden. An diesem Gestänge nehmen die unabhängig voneinander arbeitenden Schwingen die beiden Vorderräder auf, so dass man von einer Einzelradaufhängung sprechen kann (so wurde mir die Technik jedenfalls erklärt). Wer jetzt allerdings meint, das Teil würde aufgrund seiner drei Räder von selbst stehen, sieht sich gewaltig getäuscht. Da jedes Rad einzeln und unabhängig voneinander ein- und ausfedert, kippt der Roller so wie seine zweirädrigen Brüder auf die Seite. Es sei denn, ...... - aber dazu kommen wir später. Schließlich ist meine Neugierde jetzt gewaltig geweckt und ich bin gespannt, wie sich dieses unbekannte Fahrobjekt in der Praxis bewegen lässt.
Rollermäßig saubequem, Marke „Fernsehsessel“, nimmt man auf dem MP3 Platz. Die Sitzbank streckt sich derart lang nach hinten, dass man meint, aufgrund der drei Räder könnte man auch drei Personen ohne Probleme befördern. Die Hände ruhen ergonomisch perfekt auf den Lenkerenden. Der Blick wandert über die sehr schön in Chromringe eingefassten Rundinstrumente mit zentralem Multidisplay, welches mit einer umfangreichen Informationsfülle aufwartet.

Nach dem Druck auf den Starterknopf säuselt der 250 ccm große und 23 PS starke Motor fast unhörbar vor sich hin. Ein beherzter Dreh am Gasgriff und die verbaute Automatik setzt den Piaggio sanft und komfortabel in Bewegung. Kleiner Mecker vorab: Aufgrund des recht hohen Gewichts von 204 Kilogramm sind in punkto Fahrleistungen natürlich keine Wunderdinge zu erwarten. So schafft das Dreirad gerade mal tachomäßige 125 km/h und auch in der Beschleunigung ist nichts Spektakuläres zu vermelden. Dafür umso mehr beim Fahren. Das Teil ist der Oberhammer und definiert das Wort Fahrspaß komplett neu – weil anders, als bisher von Bikes mit zwei Rädern, gewohnt.
Beim Geradeausfahren merkt man so gut wie keinen Unterschied zum normalen „rollern“. Im Kurvenbereich eröffnen sich aber völlig neue Dimensionen. Den MP3 kann man geradezu in die Kurven werfen. Wo ein 2-Rad Roller anfängt instabil zu schwanken, zieht der Italiener sauber seine vorgegebene Spur. Dabei liegt er absolut stabil, nicht das kleinste Zucken ist zu spüren. Auf unebener Bahn oder gar auf Rollsplitt ist die Verwunderung besonders groß. Wo man mit einem Roller herkömmlicher Bauart schon längst auf der Schnauze liegen würde, rutschen die beiden Räder ein wenig auf den Steinchen zur Seite – das war´s. Nur der recht früh aufsetzende Ausleger des Hauptständers begrenzt die forsche Kurvengangart – für meinen Geschmack viel zu früh. Apropos Hauptständer: Schnell abschrauben, denn der ist bei diesem Gefährt absolut überflüssig! Denn am rechten Lenkerende lässt sich mittels eines Schiebeschalters die Pendelfunktion der Vorderachse sperren. Dann wird die Stellung der Räder in der jeweiligen Stellung fixiert und die Federbeine werden elektro-hydraulisch in der aktuellen Position blockiert. So kann man das Teil beispielsweise mit dem einen Rad auf dem Randstein und dem anderen auf der Fahrbahn kerzengerade abstellen. Plötzlich machen sogar rote Ampeln Spaß! Langsam darauf zurolle(r)n – Sperre aktivieren und schon steht man, lässig die Füße auf den Trittbrettern, senkrecht, und wartet auf das grüne Startsignal. Ein strammer Zug am Gas und die Sperre wird automatisch wieder aufgehoben. Ein wenig Übung ist hierzu allerdings nötig, denn ist der Pilot darauf nicht vorbereitet, legt sich die Fuhre mitsamt Driver zum Schlafen auf den Asphalt! Beim Abstellen ist zudem anzuraten, den Roller mittels Handbremse vorm davonrolle(r)n zu sichern.

Aufgrund der stabilen Führung durch die beiden Vorderräder gehört das Thema „Bremsen“ ebenso zu den herausragenden Eigenschaften des MP3. Die drei Scheibenbremsen verzögern gigantisch und halten das Gefährt immer sicher in der Spur. Drei kurze schwarze Striche auf dem Asphalt und schon steht es. Dabei kann getrost auf ein ABS (welches auch nicht angeboten wird) verzichtet werden, denn trotz blockierender Räder besteht konstruktionsbedingt keine Sturzgefahr. Bremsen in Schräglage quittiert das Dreirad allerdings mit einem heftigen Aufstellmoment.

Fazit: Mit dem Piaggio MP3 haben die Italiener ein Spaßmobil erster Güte auf die drei Räder gestellt. Die Faszination kommt erst beim Fahren auf und lässt sich schwer in Worte fassen. Dass diese (Worte) nun ausgerechnet von mir stammen, kann ich als bisheriger „Nicht-unbedingt-Roller-Fan“ selbst kaum glauben. Als Minus muss ich das hohe Gewicht und den damit verbundenen recht hohen Verbrauch von gut fünf Litern Sprit auf 100 km nennen. An das Aufstellmoment in Schräglage habe ich mich als Motorradfahrer doch relativ schnell gewöhnt. Der Kofferraum unter der Sitzbank ist zwar riesig – leider passt aufgrund des zerklüfteten Bodens nicht jeder Integralhelm hinein und der Windschutz ist für einen Roller echt dürftig. Hier wäre eine Lösung mittels verstellbarer Frontscheibe wünschenswert und effektiv und beim doch recht hohen Preis von über 6.000 Riesen wohl auch angemessen.

But, who’s perfect?!
Die obergenialen Fahreigenschaften lassen die aufgezählten Einwände schnell verblassen. Topp Ausstattung, gediegene Verarbeitung, 1. Klasse-Komfort und das einzigartige Fahrerlebnis mit motorradähnlichem Kurvenspeed, dabei unglaubliche Stabilität und brachiale Bremswirkung – das sollte man einmal live erlebt haben.

Dabei ist der Showeffekt, der sich nicht nur vor der Eisdiele, sondern auch beim saftigen Kurvenräubern einstellt, keinesfalls zu verachten. Ich für meinen Teil habe die vielen verwunderten ungläubigen und auch faszinierten Blicke zugegebenermaßen echt genossen!

Danke an die Firma Häussermann-Gnamm Gbr. in Gaildorf (Piaggio-Vertretung – dort steht der MP3l zur Probefahrt bereit), die mir diese zwei Tage voller Fun ermöglicht hat!

 

 











 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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