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Livigno

Mit dem Motorrad in die majestätische Welt der Alpen. Kurven schwingend über die höchsten Pässe, bis über die Baumgrenze hinaus. Klare Gebirgsseen, in denen sich schneeweiße Gletscherfelder spiegeln. Das Bollern der eigenen Maschine, vermischt mit dem fröhlichen Gebimmel der Kuhglocken in den Ohren. Abends dann in trauter Runde fröhliche Lieder zum Gitarrenklang, dazwischen geniale Witzrunden Marke „lach’ mich tot“ – traumhafte Klischeevorstellungen? Mit Nichten! Denn seit über 20 Jahren erleben die Motorradfreunde COUNTRY RIDER Unterrot bei ihren jährlichen Mehrtagestouren die oben aufgeführten Attribute. Vom 1. bis 5. September stand in diesem Jahr Livigno auf dem Routenplan und für einen kleinen Teil der Gruppe danach noch drei Tage Comer See als Zugabe (oder Belohnung fürs „Bravsein“). Schon die Anzahl der Teilnehmer erreichte in diesem Jahr Rekordwerte: 45(!) Urlaubshungrige haben sich zu dieser Ausfahrt angemeldet. Die 25 Biker darunter konnten sich auf die fachkundige Führung der erfahrenen Tourguides Hans-Joachim, Peter, Gundel, Schimmel und Präsi verlassen. Als Appetithappen für das kommende Bikerjahr 2008 soll der nun folgende Bericht stehen:

Nass und Grau – alles andere als gemütliches Mopedwetter, so stellt sich der frühe Morgen Anfang September vor. Trotzdem treffen alle mit ihren Maschinen pünktlich zu den vereinbarten Treffpunkten ein. Der Regenkombi bleibt im Tankrucksack. Wäre doch gelacht – so leicht geben wir uns nicht geschlagen! Die ersten knapp 200 Kilometer auf der A7 – öde Autobahnbolzerei. Muss eben sein, wenn du so eine Strecke vor dir hast. Am Autobahnkreuz Allgäu verlassen wir den Highway und erreichen über Immenstadt und Oberstaufen bei Riefensberg die Grenze nach Österreich. Weiter geht die Tour über den Hochtannbergpass nach Warth – Lech – Zürs – Flexenpass in die Wintersporthochburg St. Anton. Über Landeck geht es weiter Richtung Reschenpass, dann in die Schweiz – in das Untere Engadin. Zur wunderschönen verkehrsarmen Route, vorbei an vielen Burgen und Schlössern, immer entgegen den grünen Fluten des Inns, passt die wärmende Sonne, die sich nun durch die Wolken schiebt, hervorragend. In Zernez beginnt mit der Auffahrt zum Ofenpass der Schweizer Nationalpark. Immer wieder erinnert mich diese grandiose Landschaft mit ihren großen Nadelbaumwäldern und den steil aufragenden schneebedeckten Gipfeln an die Bergwelt der kanadischen Rocky Mountains.

Auf halber Strecke des Ofenpasses zweigt die Zufahrt ins italienische Livigno ab. Und die hat es echt in sich. Ein, von einer Ampelanlage geregelter einspuriger Tunnel (7 Euro Maut pro Motorrad) bringt uns – noch nicht – nach Livigno. Zuerst fahren wir, meist unter schützenden Galerien, am fünf Kilometer langen Livigno-See entlang. Dieser aufgestaute See dient zur Stromgewinnung für das Engadin und wurde in den 60-er Jahren erbaut.

Mit dem letzten Tropfen Sprit im Tank stürzen wir uns gierig in eine der vielen Tankstellen, die der 1000-Seelen-Ort aufzuweisen hat. Dies hat seinen Grund. Wegen des Sonderstatus als „zollfreie Zone“ hat Livigno den Ruf eines Preisparadieses für alle hoch besteuerten Artikel, wie Tabak, Alkohol, Kaffee, Parfüm und eben – Sprit. Knapp 88 Cent pro Liter Superbenzin lassen die Herzen eines jeden Bikers höher schlagen. Gar nicht so leicht gestaltet sich das Unterfangen unser Hotel zu finden. Über 130 Hotelbetriebe freuen sich in dem Hochtal mit fast 1.900 Höhenmetern auf Gäste. Als echten Glücksgriff soll sich unser Quartier, das Bikerhotel Paradiso, erweisen. Die Familie Canepari führt das schmucke Haus mit einer liebevollen Freundlichkeit und verwöhnt uns mit einer erlesenen Auswahl heimischer Spezialitäten (plus 1 Kilo/Tag „Zusatzranzen“ sind einzuplanen!). Dieses Haus darf ich ohne Abstriche weiter empfehlen (www.hparadiso.info). Gegen Abend sind sowohl die Biker als auch die Familien, die mit dem PKW gestartet sind, wohlbehalten in Livigno angekommen.

Strahlender Sonnenschein empfängt uns am nächsten Morgen. „Auf die Pässe, fertig, los!“ Über den Passo d’ Eira und den Passo Foscagno verlassen wir Livigno und gelangen in das italienische Wintersportmekka Bormio, am Fuße des Stilfser Jochs. Da wir die dritthöchste Passstraße der Alpen erst im letzten Jahr unter die Räder genommen haben, muss nun der Gavia „dran glauben“. Früher als berüchtigter Schotterpass bekannt und gefürchtet, hat er nun, durchgehend geteert, viel von seinem Schrecken verloren. Allerdings zeigt sich der Zustand der schmalen Straße als teilweise katastrophal. An eine flüssige Fahrt ist allenfalls mit einer Enduro zu denken. Da hat so ein schwerer Brocken wie meine MT-01 (mitsamt seinem Piloten) doch schon gewisse Schwierigkeiten, sauber auf einer Linie zu bleiben. Auch die schmale, teilweise spektakuläre Abfahrt nach Ponte di Legno fordert, so würde unser Bundestrainer sagen, „hegschde Konzentration!“. Dafür entschädigt der Blick auf den gletscherbedeckten „König Ortler“ und die umliegenden Gipfel für den entgangenen Fahrspaß. Da kommt die Belohnung in Form von einem Riesen-Eisbecher in Edolo gerade recht. Während wir über Tirano und den Bernina-Pass wieder unser Quartier in Livigno ansteuern, nehmen die notorischen Vielfahrer, unsere „Power-Oldies“, mit ihren BMWs noch den Abstecher nach Sondrio unter die Räder. Nach spektakulärer kehren- und tunnelreicher Auffahrt zum Lago di Alpe Gera haben sie sich den umwerfenden Blick zu den 4000-ern des Piz Bernina und Piz Palü wirklich verdient.

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen“ – am Tage mit den Bikes praktiziert, am Abend aus vielen Kehlen zum Gitarrensound geschmettert! Seit über 20 Jahren – ein COUNTRY RIDER versteht zu feiern!
Einer meiner persönlichen „favourits“ steht am nächsten Morgen (natürlich mit Sonnenschein und wolkenlosem Himmel) auf dem Roadbook: entlang der Bahnlinie der Rätischen Bahn, die mit dem Bernina-Express die höchste Bahntrasse der Alpen mit spektakulären Kehrtunnels und unzähligen Viadukten überwindet. Der Bernina-Pass ist mit seinen flüssigen recht weiten Kurven ein Gedicht für jeden Biker. Wenn am Scheitelpunkt der Kurve die Hand am Gashahn dreht, das Triebwerk unter dir den Ton erhebt und die Fuhre druckvoll nach vorne schiebt, dabei sich sanft am Übergang zur Geraden in die Senkrechte hebt – das ist es doch, was den Unterschied zu allen sonstigen Fortbewegungsmitteln ausmacht und warum wir verrückten Jungs (und Mädels) uns jedes Jahr auf diese Dinger setzen. Einfach geeeeeiiiiil!

An der Passhöhe ein Muss: Foto vor dem Bernina-Gletscher. Dasselbe ca. 5 Kilometer talabwärts noch mal – das noch schönere ewige (?) Eis des Morteratsch. Wenn dann noch der rote Bernina-Express mit ins Bild fährt – perfekt! Die technischen Ingenieursleistungen der Schweizer dürfen wir dann am Albula-Pass bestaunen. Eisenbahntrassen, wohin man schaut. Aufgrund der vielen Kehrtunnels und der Viadukte weiß man gar nicht mehr, wie sich der Streckenverlauf gestaltet. Vesper- Pinkel- und Fotopause werden hier komprimiert. Über den Julierpass stoppen wir kurz vor Silvaplana und genießen die prächtige Aussicht auf die dortige Seenplatte, auf der sich eine große Anzahl bunter Kytesurfer tummelt.

Nach dem obligatorischen Fotostopp vor der Kulisse des mondänen St. Moritz nehmen wir den Bernina-Pass nochmals von der anderen Seite unter die Räder, bevor wir nach der Passhöhe wieder in das mondlandschaft-ähnliche Hochtal über den Forcola di Livigno abzweigen. Der erste Preis für die Mammut-Tour geht an diesem Tage allerdings an die Gruppe mit Hans-Joachim als Guide, die meist über kleine Passsträßchen dem Lago di Garda einen Besuch abgestattet haben und nach gut 400 Kilometern Fahrt erst bei Dunkelheit, geschafft aber glücklich, im „Paradiso“ eintreffen. Dunkle Wolken kündigen am nächsten Tag einen Wetterumschwung an und so beschränken sich die meisten auf kleinere Touren in die nähere Umgebung, bzw. lassen das Bike stehen und decken sich im „Schnäppchenparadies“ Livigno mit allerhand Duftwässerchen, hochprozentiger Medizin oder Tabakstengeln ein.

Während dem abendlichen gemütlichen Beisammensein in froher Runde macht plötzlich die Hiobsbotschaft die Runde: Es fängt an zu schneien! Tatsächlich – leise rieselt der Schnee aus dem mit Wolken verhangenen Nachthimmel. Ein Novum in der langjährigen Geschichte der COUNTRY RIDER-Touren.

Mehrmals stehen wir in dieser Nacht vom Bett auf und schauen sorgenvoll nach draußen. Weißer und weißer färbt sich die Natur – und das zu Anfang September. Die Abreise am nächsten Morgen muss so mit Verzögerung stattfinden. Zum Glück ist der Asphalt noch recht warm, so dass die weiße Pracht schnell wieder verschwindet und die einzelnen Eisplatten, die sich bei minus 3 Grad in der Nacht gebildet haben, nach kurzer Zeit wieder abgetaut sind. Was nachts als Schnee aus den Wolken gerieselt ist, hat sich am Tag zu einem ergiebigen Regenband gewandelt. So gestaltet sich die Rückreise zum persönlichen Härtetest, mehr für Mensch als für Maschine. Teilweise begleitet Platzregen, gemischt mit Hagelschauern, die Unterroter Biker die kompletten gut 400 Kilometer! Als Organisator kann man nichts fürs Wetter – trotzdem fühlt man sich irgendwie doch verantwortlich. So bin ich froh und glücklich, als ich von den einzelnen Tourguides am Abend die Meldung bekomme: Nass, aber unbeschädigt im Ländle gelandet! Zumal ich an diesem Abend bei 25 Grad und blauem Himmel in Menaggio am Comer See am Hotelpool liege und über meinen Bauch die Sonnenstrahlen streicheln lasse. Mit Ute, Peter, Tine, Achim und meiner Jutta haben wir uns über den schneebedeckten Bernina-Pass hinunter nach Tirano „gekämpft“. Passend dazu die Faustregel: Pro Kehre abwärts ein Grad Celsius aufwärts! In Sondrio fallen schon die ersten Pullover und wie gesagt: Am Comer See hat uns der Sommer – und wir den Sommer wieder!

So steht einer Tour zu den schönsten Stellen des Comer Sees und ins bergreiche Hinterland am nächsten Tage nichts mehr im Wege. Gut gelaunt nehmen wir die schaukelige Fähre hinüber in den Nobelort Bellagio, um von dort aus über Erba und Lecco ins Val Sassina zu fahren. Auf der anschließenden Fahrt über eine kleine Passstraße nach Varenna am Ostufer eröffnen sich immer wieder grandiose Blicke über den in der Abendsonne silbern glänzenden Comer See.

Eine ereignisreiche aber wunderschöne Woche geht mit der Heimfahrt über den anspruchsvollen Splügenpass – die Via Mala-Schlucht – Chur – Vaduz – und den Bodensee zu Ende. Eine gelungene Woche mit vielen guten Freunden, an die sich wohl jeder gerne zurück erinnert, was die die Vorfreude auf die Tour 2008 umso größer werden lässt, wenn es heißt: COUNTRY RIDER goes Trentino – diesmal allerdings ohne Schnee! Nehmt den guten alten Präsi ruhig beim Wort!

 

 












 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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