Road KingNach meinen Erfahrungen mit Suzukis B King (erschienen in Ausgabe März 2009) nun ein Fahrbericht mit einer Harley Davidson Road King. Beide erheben den Anspruch ein König zu sein. Wie unterschiedlich zwei Motorräder mit diesem Anspruch doch sein können, ist fast unglaublich. Und doch ist jedes auf seine Art ein König. Über den König des Drehmoments habe ich bereits berichtet. Nun ist der König der Straße an der Reihe.
Eine Harley im klassischen Stil der ausgehenden 50er wollte ich schon immer mal fahren. Die Road King Classic FLHRC, Modell 2008, tritt optisch auf wie ein Relikt aus genau dieser Zeit: ihre Weißwandreifen, die Front mit dem überbreiten Fender, die darüber positionierte Tourenscheibe, ein paar lederne Packtaschen (leider nur mit Pseudogürtellaschen). Für ausreichende Helligkeit durchdringt ein fetter Rundscheinwerfer mit seinen zwei Zusatzlampen das Dunkel. Und natürlich ein dicker luftgekühlter V2-Motor, der sanft vor sich hin brabbelt. Der luftgekühlte 1.584 ccm-45 Grad-V2 ist aber bei weitem nicht so alt, wie er es mit seinem Chromgepränge vermuten lässt. Er hat bei der letzten Überarbeitung 2007 eine Gummilagerung, ein schräg verzahntes Sechs-Gang-Getriebe mit Schiebemuffen, neue hydrostatische Nockenwellenlager, auf denen die ebenfalls neuen mehrteiligen Nockenwellen laufen, ein leichteres, kürzeres Pleuel und mehr Kolbenhub erhalten. Dazu kommen noch die elektronische Kraftstoffeinspritzung und die aktive Ansaug- und Auspuffsteuerung, und schon war Harley in der Gegenwart angekommen.
Der Auspuffsteuerung ist es zu verdanken, dass noch ein wenig von dem guten alten Harleysound übrig ist. Sie öffnet nämlich bei zunehmender Geschwindigkeit Klappen im Auspuff, die für das Mehr an Klang sorgen.
Die Mannen aus Milwaukee haben einige Features wie einen Tempomat angebracht, wodurch dem unbeschwerten Cruisen nichts mehr im Weg steht, außer den mindestens 21.285 Euro, die man dem Harley-Dealer auf den Tresen des Hauses blättern muss, um eine FLHRC sein eigen zu nennen.
Wenn auf einem Motorrad der Satz geprägt wurde, der Weg ist das Ziel, dann mit Sicherheit auf einer Road King. Kaum hat man es sich auf dem als Sitzbank verbauten Sofa bequem gemacht, kann man jede noch so ausgiebige Landstraßenpartie stressfrei genießen. Der Tankinhalt von 22,7 Litern und ein Zirkaverbrauch von 6 Litern ergeben eine ordentliche Reichweite. Sobald die Maschine, die fahrbereit ohne Fahrer und Sozius immerhin 368 kg wiegt, ins Rollen gebracht wurde, sind hinter dem riesigen Windschild selbst höhere Geschwindigkeiten und längere Autobahnetappen entspannt möglich.
Die knapp 72 PS haben dank 131 Nm bei 3.500 U/min nie Last mit der Fuhre. Ausreichend dimensionierte Bremsen und ein ABS an meiner Testmaschine bringen den König immer optimal zum Stand. Beim sanften Schwingen auf Landstraßen sollte man es auch bei sanft belassen. Meinem Wissenstand nach sind die Amerikaner die einzigen, die bei den technischen Daten auch die Schräglagenfreiheit mit angeben. In unserm Fall links 31 und rechts 33 Grad.
Aber wie schon erwähnt, man sitzt auf dem König der Straße. Lass doch das Volk auf seinen Rennsemmeln sich gegenseitig die Berge rauf- und runterjagen, wir fahren gemächlich unser Königreich ab.
Fazit: Die Harley ist gewiss kein Jedermann- oder Alltagsmotorrad und sie wirkt ein wenig archaisch. Dennoch möchte ich die zwei Wochen, die wir zusammen verbrachten, nicht vermissen. Wenn ich noch ein wenig älter als heute bin… Wer weiß?
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