Moto Guzzi Griso 1100Ach, was haben wir Deutschen doch mit schwer lösbaren Problemen zu kämpfen. Dabei steht ganz oben auf der Prioritätenskala: Wer hat es verdient, in den Model-Olymp einzuziehen und neben so erlauchten „Weiber, die die nicht Welt braucht“ mit Namen Klum, Evangelista, Campbell, Schiffer oder Corachen-Schumacher über den Laufsteg zu stolzieren oder die Silikon-Bällchen in irgendwelche Kameras zu halten und dabei möglichst notgeil-blöd zu grinsen. Gott sei Dank haben wir ja unsere Heidi, die den mitfühlenden Fernsehzuschauern nach hartem Ausscheidungsk(r)ampf mehrerer Kandidatinnen das zukünftige halb-verhungerte Vorzeigemodel der Deutschen präsentiert. Ein Tipp für alle, die wie ich die Schnauze gestrichen voll haben vom verdummenden Fernsehprogramm der Privatsender mit Shows auf dem Niveau Intelligenzquotient „tote Katze“: Verbindet eure nächste Shopping-Tour mit einem Besuch beim Moto Guzzi-Händler eures Vertrauens. Dort seht ihr im Schaufenster ein Model stehen, welches alle Hühner auf den Laufstegen dieser Welt locker in die Taschen stecken würde. Ob in Gelb, wie die Haare der Klum, Schwarz, weitaus tiefer als die Hautfarbe ihres Gatten Seal oder im klassischen Rot – mit der neuen Moto Guzzi Griso zeigen uns einmal mehr die Italiener, wie eine wirkliche Schönheit auszusehen hat!
Vor vier Jahren auf der Intermot in München erntete die Griso als Studie bereits großen Applaus. Leider war zu befürchten, dass die Serienverwirklichung aufgrund der damals ungewissen Zukunft der Traditionsmarke scheitern würde oder dass, wie so oft, das Serienmodell viel vom Flair der Studie verlieren könnte. Sämtliche Befürchtungen waren unberechtigt, denn die Mannen aus Mandello del Lario haben ein Bike auf die Räder gestellt, welches einem beim Anblick die Freudentränen angesichts des Designs in die Augen treibt.
Lang gestreckt und tief geduckt, muskulös und zeitlos klassisch. Diese Attribute fallen mir als erstes ein, als mir Roland Däs, Moto Guzzi-Vertragshändler aus dem schwäbischen Birkenlohe und anerkannter Tuner und Veredler der Zweiräder vom Comer See, den Schlüssel für sein Vorführmotorrad zum Testen übergibt. Den vielleicht einzigen optischen Makel hat er dabei schon ausgemerzt: Die Riesentüte von Auspuff auf der linken Seite wurde durch ein formschönes Rohr der Marke BOS mit eingebauter Sound-Garantie ersetzt. Weitere Anregungen zur individuellen Gestaltung des Bikes sind an einem weiteren Exemplar im Showroom zu bewundern. Miniblinker, hochgezogene Doppelrohranlage, veränderte Seitenteile sowie ein verkürztes Heck machen die Signora zum echten Sexsymbol auf zwei Rädern. Man(n) möchte den Blick kaum mehr davon abwenden. Ob der mit dem Erscheinen der beiden Breva-Modelle von Moto Guzzi eingeschlagene Weg in punkto erstklassiger Qualität, Alltagstauglichkeit und moderner Technik auch mit der Griso konsequent weiter gegangen wird, werden die nun folgenden Kilometer mit der „Black Beauty“ zeigen.
Trotz aller notwendiger moderner Features, wie elektronischer Einspritzung, Doppelzündung oder geregeltem Katalysator, blieben die traditionellen Guzzi-Werte durch den längs eingebauten 90-Grad-V-Motor mit Stoßstangensteuerung, Zweiventiltechnik sowie der Kühlung per Fahrtwind erhalten. Die Tradition setzt sich erfreulicherweise auch beim Druck auf den Starterknopf fort. Wie ein nasser Pudel schüttelt sich der Koloss von Motor und lässt das komplette Ross nebst Reiter schon im Stand erbeben. Oh, wie können doch so kleine Dinge im Menschen große Emotionen entfachen!
Sitzen tut man auf der Griso so wie sie aussieht. Lässig-cool, ja irgendwie fast machohaft. Leicht nach vorne gebeugt fallen die Hände auf den mächtig breiten Lenker – die Beine sind auf ziemlich hoch und weit hinten angebrachten Rasten fast schon sportlich untergebracht. Das Sitzmöbel unterstützt in seiner Neigung nach vorn diese Haltung. Die etwas harte Polsterung des Gestühls sollte nur notorische Fernreisetouristen abschrecken. Allerdings empfiehlt es sich bei längeren Touren auf eine Sozia oder einen Sozius zu verzichten. Zu kurz ist die Auflagefläche für die meisten Allerweltspopos um auf Urlaubsfahrten die Freundschaft zwischen Pilot und Begleitung nicht zu gefährden. Kupplung ziehen – Verwunderung zeigen, dass diese auf einmal auch bei italienischen Bikes leichtgängig funktionieren kann – 1. Gang einlegen – wieder wundern, dass dies ohne Geräusch von sich gehen kann – losfahren!
Ortsende Birkenlohe – der 6. Gang im sauber zu schaltenden Getriebe ist schon drin. Schon knapp über Leerlaufdrehzahl schiebt die Fuhre vehement nach vorn. Spontan setzt sie jeden Gasbefehl in Vortrieb um. Nicht das geringste Verschlucken, selbst beim Groove aus dem tiefsten Drehzahlkeller. Akustisch begleitet von so einem brachialen Bollern aus der BOS-Tüte, welches allein schon die ganze Faszination eines V-2-Antriebs auf den Punkt bringt.
Ein beruhigendes Gefühl stellt sich beim Fahren auch dadurch ein, dass man durch die homogene Leistungsentfaltung das Gefährt ständig unter Kontrolle hat. Hektisch-nervöses Gezappel mit Bluthochdruck fördernden Adrenalinschüben stellt sich auf der schönen Italienerin nie ein. Was nicht heißen soll, dass man es auf ihr nicht mal richtig krachen lassen kann. Das Fahrwerk präsentiert sich in einem genialen Kompromiss zwischen Sport und Alltag. Die Federelemente lassen sich komplett einstellen. So werden wir „Ostalb-Biker“ auf unseren Straßen mit Gütesiegel „Tibetanischer Yak-Highway“ wohl eher die softere Variante der Marzocchi-Upside-Down-Gabel und des Sachs-Federbeins wählen, während die „Nürburgringianer“ den härteren sportiven Bereich bevorzugen werden. So oder so: Die Federelemente sind hervorragend aufeinander abgestimmt, bügeln Unebenheiten platt und bieten so einen famosen Fahrkomfort. Dabei legt der 240-Kilo-Brocken eine verblüffende Agilität an den Tag, die man ihm aufgrund der technischen Daten und nach optischer Betrachtung überhaupt nicht zutrauen würden. Der Abstand der Räder streckt sich auf gewaltige 2,26 Meter und lässt die Vermutung zu, das Teil fährt nur stur geradeaus. Mit Nichten! Der breite Lenker unterstützt das präzise und handliche Einlenken. Ein leichter Druck bzw. Zug an den jeweiligen Enden und die Guzzi zieht präzise ihre vom Piloten vorgegebene Bahn. Selbst Bremsmanöver in Schräglage quittiert die 1100er nicht mit übermäßigem Aufstellmoment. Vom massigen, als Einarmschwinge ausgelegten Kardanantrieb sind keinerlei Einflüsse zu spüren. Dabei ist die Schräglagenfreiheit mehr als ausreichend. Nur die Freizeit-Rossis dieser Welt werden in Linkskurven den als erstes aufsetzende Seitenständer monieren. Mich hat die Agilität des Bikes echt begeistert. So etwas kannte ich bisher nur von wenigen Naked-Bikes, wie einer Ducati Monster oder Triumph Speed Triple. Das Fahrgefühl des Hubraumgiganten im Sportlerdress, der Yamaha MT-01, lässt sich mit dem der Griso vielleicht noch am Ehesten vergleichen.
Auch die Stopper sind über jede Kritik erhaben. Feine Stahlflexleitungen sorgen für einen gut tastbaren Druckpunkt und gute Dosierbarkeit. Allerdings ist beherztes Zupacken angesagt, da die Anlage einiges an Handkraft verlangt. Aber schließlich werden auf der Griso ja ganze Kerle oder taffe Weiber und keine Wick-Vaporub-Einreiber sitzen!
Die Kommandozentrale zeigt sich mit analogem Drehzahlmesser und digitaler Tachoeinheit einschließlich Bordcomputer mit allen ganz wichtigen und weniger wichtigen Daten komplett ausgestattet. Die verchromten Spiegel sorgen für freie Sicht nach hinten an der eigenen Oberarmmuskulatur ungestreift vorbei. Fazit: DAS Model für die Saison 2006 ist gefunden. Und diesmal haben die Italiener gezeigt, dass sie durchaus in der Lage sind, tolles Design mit hervorragender Qualität zu kombinieren. Die Moto Guzzi Griso hat alles, was das Bikerherz höher schlagen lässt: einen urigen Antrieb, der für ehrlichen stilvollen Charakter und coolste Souveränität steht. Dazu ein Fahrwerk, welches die Attribute quirlige Agilität und präzise Handlichkeit verdient. Die Verarbeitung ist tadellos. Topp Lackierung, geringe Spaltmaße, sauber verlegte Leitungen. Alles Dinge, die bei Moto Guzzi früher nicht selbstverständlich waren. Wer einmal unverfälschten Fahrspaß in seiner reinsten Form auf einem Motorrad erleben möchte, wer daran glaubt, dass „Easy Livin’“ nicht nur ein Song von Uriah Heep ist, sonder ein real existierendes Lebensgefühl, der sollte beim nächsten schönen Frühlings- oder Sommertag sofort den Weg zum Guzzi-Dealer einschlagen und einen Proberitt auf der Griso vereinbaren.
Möglicherweise werdet ihr dort etwas erfahren, was ihr schon aufgegeben habt jemals zu erfahren! Ach so, was spricht eigentlich gegen das Bike? Findet’s gefälligst selbst heraus. Ich kann euch da nicht helfen – mir fällt schlichtweg nichts ein! | |