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Italien / Friaul Teil 1 / 


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Friaul Teil 1

Nachdem schon der letzte Sommerurlaub in Lignano (I) mit einigen herrlichen Motorradtouren im Friaul gekrönt wurde, war uns damals schon klar, dass wir, Uwe und ich, uns 2007 erneut auf die Suche nach einsamen Bikerpfaden machen werden. Und wir wurden wieder fündig! Im Gegensatz zu unserem letzten Urlaub waren wir diesmal mit anderem Maschinenmaterial unterwegs. Uwe hatte sich zwischenzeitlich eine 950er KTM Adventure zugelegt. Ich konnte mit der Aktuellen von KTM zu Testzwecken zur Verfügung gestellten 990er Adventure auf der Suche nach geeigneten, den montierten Pirelli Scorpion „Feinstollern“ schmackhaften Schotteruntergründen und unendlichen Kurven- und Kehrenfolgen durchs westliche Friaul touren, trailen und manchmal auch crossern.

Kaum hatten wir uns wieder häuslich auf dem Campingplatz in Lignano Sabbiadoro eingerichtet, lag auch schon die alte mit Selbstklebefolie präparierte Friaul/Venetien-Karte im Maßstab? auf dem Tisch und wurde ganz intensiv beäugt. Natürlich galt unser Interesse weniger den dicken roten oder gelben Straßenlinien, sondern vielmehr der Mischung aus dünnen gelben und besonders den gaaanz dünnen weißen und möglichst gestrichelten Straßen- oder Wegelinien. Wo die meisten Navis „out of road“ anzeigen, fangen für uns die gesuchten oftmals mit gröberem Schotter garnierten Wege an, auf denen wir den KTM’s geben wollen, was die und wir uns wünschen. Viele Schotterkilometer, enge Kehren und viele viele „Serie Kurva“, wie wir auf einem bestimmt für Biker entwickelten Schild lesen konnten und herrliche Ausblicke über die tollen Bilderbuchlandschaften des Friauls. Genug Geschmack geholt, die Augen auf der Karte gequält, wir wollen endlich fahren und so beschlossen wir unsere erste Tour in die Gegend um Belluno und den Lago di S. Croce. Dort haben wir sehr viele nicht in einer Sackgasse endende weiße und gelbe Straßenlinien gefunden und wollen nun erfahren, was die Wirklichkeit bringt. Ausgangspunkt für unsere geplante 1. Tour ist Sarone, das ca. 20 km nordwestlich vom Städtchen Pordenone liegt.

Ganz einfach da, wo auf der Karte die weiße Farbdarstellung der Ebene in die grüne-graue Farbdarstellung der Bergwelt wechselt. Von Lignano aus ziemlich genau 70 Kilometer. In Sarone am Dorfplatz links der Beschilderung „Monte Pizzoc“ folgen und schon am Dorfende führt uns die schmale tadellos geteerte Straße stetig ansteigend meistens im Wald in vielen Kurven und Kehren unserem ersten Zwischenziel „Monte Pizzoc“ entgegen. Weniger für uns, sondern für manchen Radfahrer, wird die Straße zur ersten kleinen Bewährungsprobe. Für uns aber öfters mal der Oh-Effekt, wenn man ums Eck pfeilt und plötzlich ein „Fußbiker“ die enge Kurve noch enger macht. Ich bewundere immer wieder die Mädels, Jungs und Oldies, die sich hier 14 km lang bei ca. 15 % Steigung ihre Wadeln zu kleinen Kürbissen aufblasen.

Da tun Uwe und ich uns wesentlich leichter. Ein gut dosierter Dreh am Gasquirl und unsere KTM’s ziehen wie an der Schnur gezogen um sämtliche Kurven, Kehren und Biker. So richtig zum Schwindligfahren und das gleich bei unserer ersten Tour. Daran konnte und musste sich Uwes Magen erst gewöhnen. Am Ende dieser Einstiegskurvenorgie biegen wir rechts auf die Hauptstraße in Richtung Tambre d’Alpagno. Doch schon nach 1,5 km biegen wir in einer scharfen Rechtskurve links ab wieder in Richtung Monte Pizzoc. Auf einem schmalen geteerten Sträßchen geht’s nun wiederum sehr kurvig immer höher zum Monte Pizzoc hinauf. Nach ungefähr 5 km haben wir die Baumgrenze erreicht und werden mit einer gigantischen Fernsicht belohnt, die bei klarem Wetter bis nach Venedig reichen würde. Tief unter uns liegt Belluno und wie bei einem Modell ziehen sich die Autobahn und anderen Straßen durchs Tal. Auf einem großen Schotterparkplatz endet unsere Gipfeltour zum Monte Pizzoc und bei der über einen Schotterfahrweg anfahrbaren Riffugio Vittorio Venetto unser Durst und Hunger. Schon bei der Auffahrt musste ich leider feststellen, dass auf halber Strecke der von uns als Tourweiterführung gedachte rechts abbiegende weiße Weg durch eine Schranke versperrt war. Akzeptiert und trotzdem insgeheim auf ein (offenes) Schrankenwunder gehofft. Ich traute meinen Augen nicht, als dieses Wunder bei unserer Rückfahrt tatsächlich eingetreten war. Kurz überlegt, den Bremsanker geworfen und links auf den tollen Schotterweg abgebogen. Bei geschlossener Schranke hätte ich auch nicht versucht, die Schranke zu umfahren, was bestimmt kein Problem gewesen wäre. Zu ist zu und offen ist zumindest eine Einladung um unsere geplante Strecke einhalten zu können.
Auf schönstem Schotter kilometerlang durch den Wald fahren - nicht brettern – genau so haben wir es uns gewünscht. Doch urplötzlich beendet ein komplett Weg füllender Holztransporter unseren Vorwärtsdrang. Leicht verunsichert harren wir der Dinge, besser gesagt auf die Reaktion der Holzarbeiter. Keine Bange, wir sind in Italien und nicht im verknöcherten Deutschland. Mit einer einfachen Handbewegung, die irgendwo rings um den Holztransport zeigte, wurde uns klar gemacht, sucht Euch eine Umfahrung durchs Unterholz und dann kann’s weiter gehen. Ein kleiner Spähtrupp zu Fuß durchs Unterholz und schon war auch eine fahrbare Spur gefunden. Die Pirellis frästen uns über Stock und Stein und mit einem dankbaren Wink an die interessiert schauenden Waldarbeiter genossen wir weitere Schotterkilometer im Wald, bis uns diesmal eine leider geschlossene Schranke kurz die Waldausfahrt verwehrte. Selbstverständlich war im bikerfreundlichen Friaul ein bikegerechter Durchschlupf geschaffen.

Auf dem nun geteerten Fahrweg rechts ab und erstmal orientieren, wo wir jetzt gelandet waren. Campon hießen die paar Häußer und wir bogen links ab nach Spert. Hier gleich der ersten Abzweigung links nach Farra d’Alparo folgen. Ein ganz schmaler geteerte Fahrweg führt nun steil bergab zum Lago di S. Crocce und in Richtung Nevegal, unserem nächsten Tourziel auf der anderen Seite des Lago. Ein ganz versteckter Rechtsabzweig durch einen Tunnel an der breiten Straße führt uns auf sehr schmaler Straße hoch über dem See nach Quantin und schließlich nach Nevegal, einem offensichtlich sehr modernen Wintersportort. Von Nevegal aus sollte es laut Karte eine Verbindung zum Col Visentin (1763 m) geben.

Papier ist geduldig und so schlängelten wir uns auf der breiten Straße und den schönen Wochenendhäusern immer höher hinauf, bis ein großer Parkplatz mit Restaurant unserem Erkundungsdrang eine Pause bereitete. Nicht Durst und Hunger, sondern die absolut unklaren Weg-, Pisten- oder Fahrspurverhältnisse mit entsprechender Steigung ließen uns ins Grübeln kommen. Diesmal war ein längerer und anstrengenderer Erkundungfußmarsch angesagt. Eine mit schönen weißen brotlaibgroßen Steinen übersäte sehr steile schmale Hardcorepiste an der unscheinbaren kleinen Hütte vorbei könnte in die richtige Richtung zum Col Visentin gehen. Nach unserem Schweiß treibenden Erkundungsmarsch entschieden wir uns, gleich rechts einen nicht weniger steilen Abzweig Richtung Skipiste und entlang der Hardcorepiste zu wählen um nach einigen hundert ganz schön steilen Metern dann wieder auf den Schotterweg einzubiegen. Soweit hatten wir den Weg auch zu Fuß erkundet. Noch hatten wir die Möglichkeit, das Vorhaben, auf den Col Visentin von Nevegal aus zu fahren, abzubrechen. Erstens hatten wir aber kein Sperrschild gesehen, geahnt vielleicht verdeckt an der Hütte, aber die hatten wir ja umfahren und zweitens sind ja die KTM’s nicht gerade Weicheier und da wollten Uwe und ich in nichts nachstehen und drittens, wo Allradler sich hochquälen, muss es mit Adventures auch gehen! Punkt!

Nach weiteren hundert harten Schotter- und Geröllmetern brachte uns allerdings eine megasteile mit den besagten weißen Brotlaibsteinen ausgewaschenen Rinnen und Felsabsätzen gespickte Auffahrt nochmals gewaltig ins Grübeln. Packen wir das, ohne eventuell die Maschinen ins Geröll zu schmeißen? Umdrehen war aber auch nicht mehr ganz so einfach! Es gab nur noch eine Devise. Vorwärts! Nochmals eine „geeignete“ Spur ausgeguckt, den Popometer auf Hardcore gestellt, etwas weiter nach vorne geschaut, damit man nicht direkt sieht, welche Brocken das Fahrwerk zum Verdauen bekommt, und los geht’s. Jetzt die richtige Gasdosierung finden, denn zu schnell ist genauso schlecht als zu langsam. Mit Schwung durch die losen Geröllmassen schwimmen und im richtigen Moment nochmals beherzt am Seil ziehen, damit das Vorderrad über die Felskanten springt. Mal fahr ich das Motorrad, mal fährt das Motorrad mit mir. Mal steh´ ich in den Rasten, mal haut’s mich auf den Sitz. Nur jetzt nicht nachgeben und eventuell zum Stand kommen. Da bleiben schon einige Millimeter Pirelligummi am Geröll hängen. Oh Sch... was kommt jetzt nach der Kuppe! Kurz am Gas gezuckt und schon steht die Kiste.

Zum Glück aber auf festem Felsuntergrund stehend und dank meiner etwas längeren Beinen schaffe ich einen, mit blauem Reifenrauch begleiteten Burnoutstart, auch dieses vorerst letzte Hindernis zu bezwingen. Der Kühlerventilator läuft auf Hochtouren, meine Herzpumpe ist im roten Bereich und obwohl kein Regentropfen gefallen ist, bin ich patschnass. Nachdem wir Uwe’s Adenture nach 3 Anläufen ebenfalls weiter in Richtung Col Visentin gebracht haben, setzten wir unsere Adventure auf jetzt gemäßigtem Geläuf fort. So schnell konnte uns jetzt nichts mehr schocken, denn es gab kein Zurück mehr! Auf einem manchmal nur 1-spurig befahrbaren Gras- und Dreckweg passierten wir die Riffugios Cadore und Bristol, die offen waren und bei denen bei Bedarf der Wasserverlust von Mensch und Motorrad ergänzt werden kann. Der Gipfel des Col Visentin war jetzt nur noch wenige Kilometer entfernt und wir konnten relativ gut einsehen, was die weitere Piste noch von uns fordern würde. Relativ heißt aber nicht alles und nach einigen humanen hundert Metern, forderte eine Steilauffahrt wieder mit viel losem Geröll und erschwerend gewachsenen happigen Felsstufen von uns und Maschine nochmals alles. Kurz mal sämtliche Ersatzteilpreise und sonstige Motorradkosten aus dem Gedächtnis geblendet, die Blickführung weit nach vorne gerichtet, damit’s nicht ganz so weh tut, wenn’s scheppert und kracht, um dann mit Schmackes und pfeifendem Hinterreifen über alles drüber crossen, was sich in den Weg stellt.

Nachdem wir bei der ersten Härteprüfung vielleicht noch zu viel Mitleid mit unseren KTM’s hatten, gab’s diesmal keine Gnade und die KTM’s zeigten uns äußerst eindrucksvoll, dass da nicht nur Adventure draufsteht, sondern auch jede Menge drin steckt! Wir hatten´s geschafft! Obwohl in Denzels Bikerbibel (noch) nichts von der Befahrung zum Col Visentin aus Richtung Nevegal verzeichnet war, hatten wir es gewagt und viel an Erfahrung gewonnen. Die ausgiebige Pause auf der Rifugio Visentin hatten wir und unsere Motorräder redlich verdient. Beim Plausch mit dem Wirt und der Wirtin stellte sich dann heraus, dass dieser Weg eigentlich gesperrt ist, dass es aber bei gesitteter Fahrweise keine Probleme gibt, zumal der Chef diesen Weg zumindest bergab auch hin und wieder mal benützt.

Und es nicht jede Woche vorkommt, dass sich jemand da hochschindet. Die ca. 10 km lange Schotterautobahn vom Gipfel hinunter nach Longhere, das eigentlich der ganz normale und absolut legale Ausgangspunkt zum Col Visentin ist, kann von jedem etwas Schottererfahrenen bewältigt werden. Vor der Wahl der von uns gewählte Strecke von Nevegal zum Col Visentin sollte jedoch gut überlegt sein, ob Mensch und Maschine dafür geeignet sind, denn sollte irgendetwas nicht durchhalten, gäbe es bestimmt vielfältige Probleme und alleine diese Tour zu machen, wäre eine absolute Dummheit! Die noch von Longhere bis Lignano zu bewältigenden 80 km kamen uns vor wie Reha. A bissl stolz waren wir schon, als wir am Abend nach der insgesamt 270 km langen Tour unsere kernig eingesauten Bikes abstellten und uns genüsslich ein Bierchen gönnten. Ganz so knackig hatten wir uns die erste Tour nicht vorgestellt, aber jeder der reichlichst geflossenen Schweißtropfen war es wert!

 

 















 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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