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Grenzerfahrungen

„Wir schauen uns mal den Naturpark Frankenwald genauer an.“ Die Euphorie hält sich in Grenzen, als unser bewährter Organisator Klaus das Ziel der COUNTRY RIDER-Tour 2005 verkündet. Zu sehr sind wir wohl von den gigantischen Alpenpässen, den faszinierenden Kurvenlabyrinthen in den Vogesen oder dem Charme des Moseltals verwöhnt. Doch soviel möchte ich vorweg schon verraten: Diejenigen, die nicht dabei waren, haben eine grandiose Tour verpasst.

Jetzt aber alles im Detail – schön der Reihe nach: „Mag der Sommer auch noch so verregnet sein, wenn die COUTRY RIDER reisen, gibt es Sonnenschein“. Diese poetische Aussage ist fast schon Gesetz! 25 Grad, die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel. Recht so - denn in diesem Jahr hat sie auch gewaltig was nachzuholen! Voll bepackt finden sich die drei Reisegruppen am vereinbarten Startpunkt ein. Tourguide Klaus führt mit seiner Cagiva Grand Canyon wieder die Rentnergang mit Rolf und Josef, beide stilecht auf BMW’s unterwegs, an.
Die beiden Tourguides Kolbes, wie immer auf der Ducati Monster auf großer Fahrt, sowie Mason mit seiner BMW F650, führen Susanne, auch auf der kleinen BMW, und Klaus mit seiner Honda Africa Twin ans Ziel. In meiner Gruppe sind Triumph Tiger-Partner Heiner, meine Jutta mit ihrer Aprilia Pegaso Strada, sowie die drei Yamaha TDM-Piloten Achim, Wolfgang und Kurt mit seiner Frau Margot als Sozia mit von der Partie.
Die Anreise wollen wir ohne große Autobahnbolzerei hinter uns bringen. Schließlich ist für einen echten Biker schon „der Weg das Ziel“. Über das mittelalterliche Rothenburg ob der Tauber geht unsere Fahrt nach Bad Windsheim, Neustadt/Aisch bis nach Forchheim. Nachdem der Main-Donau-Kanal überquert ist, verändert sich nach wenigen Kilometern die Landschaft. Die weiten fränkischen Felder, Wiesen und Waldflächen verengen sich im romantischen Tal der Wiesent. Stolz grüßen Burgen und Burgruinen von hohen Felsen. Im keck dahin fließenden Flüsschen tummeln sich Kanu- und Kajakfahrer und machen deutlich, warum die Wiesent als eines der Paddel-Eldorados in Deutschland gilt. Wir folgen dem Flusslauf bis Hollfeld um dann ins Kleinziegenfelder Tal abzubiegen. Die Strecke bis Weismain ist auf der Landkarte als landschaftlich besonders schöne Route ausgewiesen. Absolut korrekt! Hier lässt sich der vielzitierte „Kurvenwalzer“ vortrefflich tanzen. In Kronach, dem Tor zum Naturpark Frankenwald, erreichen wir auf der gut ausgebauten B173 unser Ziel: das Bikerhotel Zegasttal in Gottsmannsgrün bei Schwarzenbach am Wald. Unser Wirt Ottmar und seine Frau werden mit ihrem leckeren Essen dafür sorgen, dass unsere Klamotten von Tag zu Tag mehr Spannung bekommen. Außerdem werden wir mit interessanten und sehr gut ausgearbeiteten Tourenvorschlägen von Ottmar versorgt. Dieses Haus hat die Bezeichnung „motorradfreundliches Haus“ mit Recht verdient. Note 1 Plus! (Info www.zegasttal.de). Am Abend stoßen dann noch Ingrid und Robert mit ihren beiden 1000er MZ SF zu unserer Truppe.

Eine Tour in den Thüringer Wald steht am nächsten Tag auf dem Tourenprogramm. Auf kleinen Sträßchen, die sich aber im Topp-Zustand präsentieren, pirschen wir uns von Nordbayern Richtung Thüringen. Im verschlafen wirkenden Ort Geroldsgrün zieht ein bunter und in allen möglichen Farben gehaltener Firmenkomplex unsere Aufmerksamkeit auf sich. Der weltbekannte Stiftehersteller FABER-CASTELL sorgt mit seinem im Jahr 1861 gegründeten Werk für einen echten Farbtupfer in dem kleinen Städtchen und darüber hinaus für ca. 200 Arbeitsplätze in dieser strukturschwachen einstigen Grenzregion. Denn ein paar Kilometer weiter zieht sich wie eine langsam verheilende Narbe der frühere „eiserne Vorhang“ durch die ausgedehnten Wälder und Wiesen. Bis zur Wende vor 14 Jahren war hier absolute Endstation. Ein paar alte Wachtürme und Zaunreste stehen als stumme Mahnmale für fast 40 Jahre grausame Teilung unseres Landes. Der Verlauf des ehemaligen Todesstreifens wurde wieder aufgeforstet, doch ist er durch die jungen Bäume und Sträucher sowie die parallel verlaufende Panzerstraße nach wie vor gut zu erkennen, wie eine Schlange, die sich durch die Landschaft windet.

In Leheste/Thüringen lohnt ein Besuch des ehemaligen Schieferbergwerks. Bei einer Fahrt in den Stollen erfährt man auf anschauliche Art und Weise, wie einst in der DDR das „blaue Gold“ abgebaut wurde. Das reichhaltige Schiefervorkommen in dieser Gegend zeigt sich auch in den Dörfern und Städten der Region. Sämtliche Häuser wurden mit diesem Rohstoff verkleidet und sorgen so für ein gänzlich ungewohntes Stadtbild – zumindest für uns Schwaben.

Jetzt schluckt uns das tiefe Grün des Thüringer Waldes. Bei Neuhaus, bekannt durch seine Christbaumschmuck-Manufakturen (wie auch das benachbarte Lauscha), treffen wir zum ersten Mal auf den Rennsteig, den 168 Kilometer langen Kammweg quer durch den Thüringer Wald. Ein Paradies für Erholung suchende Wanderer. Wir behalten unsere Bikerboots anstatt der Wanderstiefel an und „erwandern“ mit unseren Bikes die reichhaltigen Naturschönheiten dieses ausgedehnten Waldgebietes. Die Zeit scheint in den kleinen Orten  stehen geblieben zu sein. Irgendwie strahlt hier alles eine gewisse Gelassenheit und angenehme Ruhe aus, die allerdings im letzten Jahr kurzzeitig unterbrochen wurde, als im Ort Katzhütte ein Rentner im Bachlauf der Schwarza einige Nuggets puren Goldes gefunden hatte. Wie einst am Klondike in Alaska löste dieser Fund einen wahren Goldrausch aus. Mit Sieben und Schaufeln bewaffnet machten sich unzählige Goldsucher auf, steckten ihre Claims ab und hofften auf das große goldene Glück. Doch kurze Zeit später erfolgte die Ernüchterung, als sich der Fund als „einmalig“ heraus stellen sollte. So verebbte der deutsche Goldrausch so schnell, wie er begonnen hatte.

Im Wintersportort Oberhof, früher als „St. Moritz des Ostens“ bezeichnet und als Austragungsort der Biathlon-WM im letzten Jahr bestens bekannt, unterziehen wir uns einer echten Mutprobe. Auf der Weltcup-Bob- und Rodelbahn setzen wir uns in einen umgebauten Bob und stürzen todesmutig die 1,2 Kilometer lange Strecke mit ihren 14 Steilwandkurven einschließlich Kreisel hinunter. Bei über 70 km/h schüttelt es uns gewaltig durch und vor jeder Kurve rufe ich unserem erfahrenen Bobpiloten eine stilles „brems doch endlich“ zu. Dies tut er letztendlich auch – nach dem Durchfahren des Ziels! Ein absolut tolles Erlebnis, wenngleich ich froh bin wieder auf meiner Tiger zu sitzen und die Kurvengeschwindigkeit selbst bestimmen zu können.

So gibt es nach dem Eintreffen der einzelnen Gruppen am Abend in unserem Quartier viel zu berichten und die sogenannten Benzingespräche gehen bei einem Gläschen (oder Fläschchen) Wein doch viel leichter über die Lippen, gell. Ein Museum der ganz besonderen Art besuchen wir am nächsten Tag. In der Nähe von Hof gibt es den Ort Mödlareuth. Der Dorfbach, der durch die 50-Seelen-Gemeinde führt, teilt die kleine Gemeinde zwischen Bayern und Thüringen. Als im Oktober 1949 die DDR gegründet wurde, gehörte die eine Hälfte des Ortes zum „neuen“ Deutschland, die andere zur BRD. Der Schritt über den Bach war nur noch mit Passierschein möglich. Einige Jahre später wurde eine 700 Meter lange und 3,30 Meter hohe Betonmauer errichtet um die DDR-Bürger vor dem „Imperialismus“ zu schützen. Von da ab nannte man Mödlareuth auch „Klein-Berlin“. 24 Jahre hielt das Machwerk stand, rund um die Uhr bewacht, des Nachts in gespenstisches Licht gehüllt. Menschen, deren Häuser nicht einmal 30 Meter voneinander entfernt waren, konnten sich nicht mehr sehen. Kein Gespräch untereinander, nicht mal ein kleines Zuwinken war mehr möglich. Am 17. Juni 1990 war der Spuk endlich vorbei, als ein Bagger eine Bresche in die Mauer schlug und die Menschen beider Seiten sich nach der langen Zeit in die Arme fielen. Das Dorf Mödlareuth selbst ist bis heute ein „Kuriosum“ – die eine Hälfte bayerisch, die andere thüringisch. Unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und Fahrzeugkennzeichen sind äußere Zeichen dieser einstigen Grenze. Zwei Bürgermeister kümmern sich um das Wohl der 50 Einwohner, deren Zugehörigkeit schon am Gruß zu erkennen ist: „Grüß Gott“ auf der einen, „guten Tag“ auf der anderen Seite des Tannbachs. Heute gestaltet man den Alltag wieder gemeinsam, feiert zusammen die Feste.

Noch nie hat ein Museum mich mehr beeindruckt als dieses. Ein ums andere Mal bekomme ich beim Anblick der Sperrmauern, der Selbstschussanlagen, des russischen Panzers oder der Mahntafel zum Gedenken an die rund 1000 Menschen, die ermordet wurden, nur weil sie von Deutschland nach Deutschland wollten, eine Gänsehaut. Die Teilung ist Gott sein Dank Geschichte – auf ergreifende Art erhalten im deutsch-deutschen Museum von Mödlareuth.

Den Kopf und auch das Herz voller Eindrücke, besteigen wir unsere Mopeds und nehmen die kleinen Thüringer Landstraßen unter die Räder um noch einen Abstecher zum Hohenwarte Stausee zu machen. Er ist Teil der fast achtzig Kilometer langen, fünf mal hintereinander gestauten Saalekaskade, dem größten zusammen hängenden Stauseegebiet Deutschlands. In unzähligen Windungen durchschlängelt das „Thüringer Meer“ das Saaletal zwischen steilen Hängen, inmitten einer faszinierenden Waldlandschaft.

Das Nickerchen am Seeufer und den Nachmittagskaffee mit Kuchen haben wir uns redlich verdient. Auch soll hier erwähnt werden, dass die kulinarischen Köstlichkeiten in unserer Truppe nie zu kurz kommen. Clever, dass wir mit Armin einen Metzger dabei haben, der seine Koffer an der TDM mit kalorienreicher deftiger Hausmannskost gefüllt hat. Bei den häufigen Brotzeitpausen während unserer Tour ist dann irgendwann der Vorschlag aufgetaucht unseren Club doch von Motorradfreunde in Vesperfreunde Unterrot umzutaufen.

Viel zu schnell verfliegen die fünf Tage in einer für die meisten vorher unbekannten Region, bis vor kurzer Zeit noch am „Ende der Welt“ gelegen. Wieder einmal geht eine Ausfahrt zu Ende, bei der die COUNTRY RIDER-Tugenden von Freundschaft, Spaß, guter Laune und gemeinsamen Erlebnissen auf dem Motorrad bei ausnahmslos tollem Wetter an oberster Stelle standen. Unserem Organisator Klaus ein dickes Dankeschön für seine Vorbereitung, Durchführung und das Gespür für das „Richtige“! Nach dem Frühstück macht sich dann der ganze Tross auf in Richtung Heimat. Der ganze Tross? Nein, denn Jutta und ich nutzen das schöne Wetter um noch eine weitere Grenzregion in den nächsten vier Tagen unter die Lupe zu nehmen. Den ältesten Nationalpark Deutschlands, den Bayerischen Wald, und seinen östlichen Nachbarn in Tschechien, den „Sumava Nardoni Park“. Was wir dort für „Grenzerfahrungen“ gemacht haben, steht voraussichtlich schon im nächsten WHEELIE’s.












 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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