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Kawasaki / ER-6f 2006 / 


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ER-6f

Es geht doch schon in der Schule los. Wer sich dort nicht auf seinen Allerwertesten setzt und den behandelten Stoff durch paukt, der wird nicht zu den erfolgreichen Schülern zählen (auch ich hab’ dahin gehend schon meine einschlägigen Erfahrungen gemacht!). Später im Berufsleben verhält es sich ähnlich. Nur wenn die Leistung und der Wille stimmt, besteht die Chance erfolgreich zu sein. Wer sich darüber hinaus auch noch durch überdurchschnittliche Qualitäten und Fähigkeiten auszeichnet, dem ist der Erfolg fast schon sicher.

Da sind durchaus Parallelen auf dem Motorradmarkt zu erkennen. Mancher Hersteller ruht sich seit Jahren auf seinen Lorbeeren aus und wundert sich, warum das einstige Erfolgsmodell aus dem letzten Jahrtausend keiner mehr haben will und warum die Wiedereinsteiger bzw. „Normalos“ unter den Bikern (und das ist schließlich die größte Käuferschicht) die Showrooms der Konkurrenz stürmen. Dass es möglich ist, junge Menschen fürs Motorradfahren zu begeistern und der Trend der Wiedereinsteiger noch nicht vorbei sein muss, hat Honda im letzen Jahr mit der CBF 600 bewiesen. Das Teil wurde den Händlern geradezu aus den Händen gerissen.


Ob der sich abzeichnende Verkaufserfolg berechtigt ist und der Spaß mit der frechen Japanerin genauso hoch angesiedelt ist wie die extravagante Optik wird ein ausführlicher WHELLIE’s-Proberitt auf  der vollverkleideten Variante zeigen. Herzlichen Dank an das Team von WARM-UP – Kawasaki- u. Aprilia-Vertragshändler in Aalen für unser Testbike. Um ein möglichst breites Meinungsbild zu vermitteln, habe ich zusammen mit meiner Frau Jutta den „Silberpfeil“ über die Straßen des Ostalbkreises und der Schwäbischen Alb gejagt.

Etwas an Extravaganz hat sie durch die Vollverschalung schon eingebüßt ist mein erster Gedanke, als mir Thomy Holzner, Geschäftsführer von WARM-UP sein Vorführmodell zeigt. Für die Nackte im zitronen-gelben Outfit kann ich mich schon eher begeistern. Vor allem, wenn die gewöhnungsbedürftige Lampeneinheit durch eine WARM-UP hauseigene Brachialnase im geilsten Streetfighter-Design ersetzt wird (siehe Fotos). Beim ersten Sitzkontakt allerdings der auch erste Pluspunkt für die f-Variante: zwei gut ablesbare klassische Rundinstrumente stehen gegenüber einer spartanisch-verspielten Instrumenteneinheit der „n“ auf der Habenseite. Die Sitzposition ist den japanischen Erbauern perfekt gelungen. Dieser Meinung sind sowohl Jutta als auch ich selbst. Obwohl fast 20 Zentimeter an Größenunterschied zwischen uns liegen. Bequem nimmt man auf dem recht dünnen Sitzpolster Platz, hervorragenden Knieschluss bieten die Mulden im eng taillierten 15,5 Liter fassenden Tank und der schmale Lenker passt von seiner Ergonomie ausgezeichnet zur schlanken Performance des Bikes. Diese lässig entspannte Haltung vermittelt irgend wie den Eindruck: mehr Motorrad braucht kein Mensch! That’s allright!Im Aalener Stadtverkehr macht die ER beim „Mitschwimmen“ in der Rushhour bei gerade mal 200 Kilogramm vollgetanktem Kampfgewicht eine gute Figur. Deshalb ist sie aber mitnichten in die Kategorie Citybike einzuordnen. Schließlich bedeuteten vor gut 20 Jahren ihre Leistungseckdaten mit 72 gesunden Pferdchen und einer Speed-max. von gut 210 km/h den oberen Bereich in der „Bike-Liga“.

Deshalb, raus aufs Land, wo die kurvigen Sträßchen nur darauf warten, unter die 120er Vorder- und 160er Hinterräder der Kawa genommen zu werden. Gleichmäßig, ohne Lastwechselreaktionen „surft“ die 650er im sechsten Gang auf der B29 Richtung Ortsende-Schild „Aalen“ entgegen. Der kräftige bollernde Pulsschlag des Twins klingt wohltuend in den Ohren. Die Nadel des Drehzahlmessers sollte bei mindestens 3000 Touren stehen wenn die rechte Hand nach dem Verlassen der Stadtgrenze den Hahnen spannt. Darunter hackt es doch gewaltig an der Kette. Dagegen geht über diesem Wert, Dank der Einspritzung, so richtig die Post ab. Jeder noch so kleine Befehl der Gashand wird sofort umgesetzt – jenseits der 5000/min-Marke zerrt die „Kleine“ so lebhaft am Antriebsstrang, dass es eine wahre Freude ist. Erst über 9000 Umdrehungen ist dann Schluss mit Lustig.

Wie kann Motorradfahren doch so einfach sein und gerade deshalb so viel Spaß vermitteln: sauberes Anbremsen vor der Kurve – abwinkeln, Dank des geringen Gewichts und der moderaten Reifenbreite, ein Kinderspiel – die Kurve in sauberer Linienführung durchfahren – am Scheitelpunkt Gas aufziehen – mit stets kontrollierbaren und beherrschbaren Schub die Gerade durcheilen bis die nächste Kurve zum Anpeilen ansteht.
Diesen Fahrspaß habe ich, zumindest abseits des Racetracks, auf den öffentlichen Straßen, mit über 160 PS starken Rennsemmeln noch nie erlebt, da sich dort bei mir, auch als erfahrener Biker, nie das sichere Gefühl des „alles unter Kontrolle haben“ einstellen wird. Den Satz „mehr Motorrad braucht kein Mensch“ haben wir doch vorher schon irgendwo gehört. Dem ist auch von Jutta und mir nichts mehr hinzu zu fügen. Was ist uns noch aufgefallen? Zum harmonischen Ganzen der Kawasaki passen auch die komfortabel abgestimmten Federelemente. Die nicht einstellbare Telegabel arbeitet unspektakulär kann aber in punkto Abstimmung ganz und gar überzeugen. Nur das direkt angelenkte hintere Federbein, neben dem Stummelauspuff, der „Hingucker“ auf der rechten Seite, ist ziemlich lasch gedämpft und vor allem in Zwei-Personen-Betrieb schnell überfordert. Wenn wir gerade bei dem Thema sind: lange Urlaubsreisen sollte man einem Mitfahrer ohnehin nicht unbedingt zumuten. Da sorgen die weit oben angebrachten Soziusrasten für einen auf die Dauer unbequemen spitzen Kniewinkel. Solisten hingegen dürfen sich über vier praktische Gepäckhaken unter der Sitzbank freuen. Wer möchte, kann dann noch das angebotene 29-Liter Topcase samt Halterung oder die passenden Softbags für die Urlaubreise ordern. In Verbindung mit der Vollverkleidung der f-Variante, die auch bei höheren Geschwindigkeiten einen ausreichenden Windschutz bietet, stehen genussvollen Fernreisen mit (Fahr)Spaßgarantie nichts mehr im Wege.

Als „normalsterblicher Nicht-ABS-Pilot“ kostet es mich immer wieder eine gehörige Portion Überwindung bei einem Test eines ABS-bestückten Bikes „obergarstig“ in die Eisen zu langen. Da kommt mir der regennasse Asphalt auf einer Waldpassage gerade recht. Das Kawasaki-ABS regelt sehr spät, was zu unfreiwilligen Stoppies führen kann. Nach dem Eingreifen allerdings fallen die sehr feinen Bremsintervalle angenehm auf. Wie überhaupt die aus der Supersport-Abteilung stammende Bremsanlage ihren Dienst tadellos versieht. Gewohnt Kawa-bissig, aber feinfühlig zu dosieren. Fazit: Wieder ist einer aufgewacht! Kawasaki hat die Zeichen der Zeit erkannt und ich bin mir sicher der Erfolg ist mit der ER-6 garantiert. Ein fahrdynamisches Bike mit einem tollen spritzigen Motor haben die Japaner auf die Beine gestellt. Nah dran an der eierlegenden Wollmilchsau, die eigentlich alles kann. Ob auf einer langen Urlaubtour, Kurztrip zum Bikertreff oder zur Eisdiele oder die tägliche Fahrt zur Arbeit: die Kawa beherrscht alles perfekt und das schöne daran ist – sie macht auch noch riesig Spaß dabei. Sowohl beim Fahren als auch beim „Anschauen“ in der Garage. Dazu noch ein tolles Preis/Leistungsverhältnis. Man muss kein Prophet sein um diesem Motorrad eine rosige Zukunft vorauszusagen. Ein ERfolgsgarant eben!













 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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