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Frankreich / Denzel 437 / 


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Denzel 437

Die Ligurischen Alpen – das Ziel derer, die dem Massentourismus den Rücken zu kehren und auf ungewöhnlichen Wegen die Schönheit der Berge entdecken möchten. Geschichtsträchtiger Boden – bewegt man sich doch auf Wegen, die der Versorgung mächtiger Wehranlagen dienten, die hier im französisch / italienischen Grenzgebiet in Höhen über 2000 m angelegt wurden.

Ein Umstand, der nachdenklich stimmt, aber gleichzeitig den Reiz erhöht, eine recht unbekannte Region der Alpen zu erkunden. Die Summe der Strecken, die wir hier unbedingt befahren müssen wächst mit jedem Tag der Planung. Wir wählen deshalb Demonte, einen kleinen Ort im Sturatal als Ausgangspunkt für die Befahrung der Maira-Stura-Kammstraße. Eine winzige, zunächst asphaltierte Straße führt uns nach San Giacomo und weiter zum Colle Valcavera, dem eigentlichen Einstieg in eine Welt, die sonst nur Wanderern und Mountainbikern offen steht. Die Gebirgskulisse ist traumhaft. Unter stahlblauem Himmel bauen sich die Berge auf, die hier in unterschiedlichsten Farbtönen mächtig Eindruck hinterlassen. Es macht einfach nur Spaß hier unterwegs zu sein. Selten trifft man jemanden und wenn, dann sind es freundliche Leute, die gerne mal ein Schwätzchen halten.

Obwohl hier die Stollenreifen endlich in ihrem Element sind, müssen wir doch immer wieder stoppen, da Murmeltiere, Bergblumen und fantastische Felsformationen zum Staunen und Fotografieren einladen. Das unser eigentliches Ziel, das Rifugio della Gardetta, nicht mehr anfahrbar ist - leider wurde die Zufahrt in diesem Jahr gesperrt - soll sich noch als Glücksfall erweisen, denn so landen wir wenige Kilometer später in Marmora, das eine unglaublich gute Trattoria aufweisen kann. Es gibt nur ein Menu – aber das benötigt locker zwei Stunden Zeit und bringt unseren Zeitplan gehörig ins Wanken. Sei´s drum - wir sind schließlich im Urlaub. Nicht weniger interessant die Geschichte des Ortes. Lebten hier um 1970 noch ganze drei Menschen, so zählt man heute wieder 150, die einen Neuanfang versuchen und der immer noch anhaltenden Landflucht die Stirn bieten. Nach einem letzten Espresso geht´s für uns weiter ins Valle di Traversiera. Der Schotter ist hier schon deutlich grober und tiefer und verlangt uns mit den viel zu schweren Reiseenduros einiges ab. Als schließlich Andreas´ Africa-Twin wegen Sauerstoffmangels nicht weiter will, entschließen wir uns zur Rückkehr, da das Stichtal ohnehin nicht besonders viel zu bieten hat. Über den Colle dei morti, den ein Denkmal zu Ehren Marco Pantanis ziert, erreichen wir wieder Demonte und fallen todmüde aber hochzufrieden in unsere Schlafsäcke.

Varaita Maira – Rainers Augen glänzten, als er im Denzel, der Bibel aller Alpenfahrer, diesen Eintrag fand - soll heute unser Ziel sein. Über kleinste sandige Waldwege erreichen wir bereits am späten Nachmittag diese Kammstraße, die uns einiges abverlangen sollte. Zunächst noch recht einfach zu befahren, kämpfen wir uns bald über Felsstufen und grobes, lockeres Geröll. Doch die Landschaft entschädigt für alle Mühen. Es ist traumhaft schön hier oben und so können wir es locker verkraften als uns ein Rollerfahrer vormacht, wie man hier unterwegs sein sollte. Egal – die spektakuläre Abfahrt durch das Vallone d´Elva raubt uns erneut den Atem und bildet für einen aufregenden Tag den perfekten Abschluss. Tags drauf stehen wir auf dem Col du Tende, der sich mit insgesamt 59 Kehren ins Tal schraubt. Der Tunnel weiter unten hält den Durchgangsverkehr nach Monacco fern und so sind wir fast allein, als wir die geschotterte Piste ins Tal fahren. Wir wählen zunächst den Campingplatz von Tende als Basis, der mehr schlecht als recht das Nötigste zu bieten hat.

Als wir am Folgetag erneut den Pass erstürmen, um am Fort Central, der wohl eindrucksvollsten Befestigungsanlage in der Gegend, ein ausgiebiges Mittagsbuffet aufzufahren, treffen wir Bernd mit seiner KTM wieder, den wir einige Tage zuvor kennengelernt hatten. Gemeinsam nehmen wir unser eigentliches Ziel, die LGKS in Angriff. Leider starten wir zu spät und schaffen es nur bis zum Col de Seigneurs, was aber der Faszination dieser Strecke keinen Abbruch tut. Anspruchsvolle Tiefschotterpassagen wechseln sich mit perfekter Piste ab. Jeder Meter macht Spaß. Der einbrechende Abend zwingt uns zur Rückkehr, doch das nächste Highlight wartet bereits. Wir wollen am Fort de la Marguerie übernachten und müssen uns zu diesem Zweck noch mit vin rouge, baguette, fromage und einem guten Stück Fleisch ausrüsten. Obwohl am Abend dichter Nebel aufzieht, wird es doch eine unvergessliche Nacht. Am Lagerfeuer sitzend feiern wir Andreas` Geburtstag und als der Himmel aufklart, spannt sich ein unbeschreiblicher Sternenhimmel über unseren Köpfen auf.

Nicht weniger eindrucksvoll gestaltet sich der Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Nebel hängt im noch dunklen Tal als wir der Wärme der ersten Strahlen entgegensehnen. Wir können uns von diesem Platz gar nicht losreißen, doch unsere bikes scharren bereits ungeduldig mit den Hufen. Die Zeit drängt und wir müssen wieder nach Norden. Erstmalig nach fast drei Tagen sehen die Stollenreifen wieder Asphalt – und wir hoffentlich eine Dusche, aber wir sind ja unter uns. Erneut durch das Valle di Stura führt uns die Straße auf den Colle della Maddalena, der auf französischer Seite Col de Larche heißt. Zufällig stoßen wir im Tal auf den Einstieg zum Col de Parpaillon, den wir ja bereits im Vorjahr kennenlernen durften. Mystische Geschichten ranken sich um den Tunnel auf der Passhöhe. Mit vollem Gepäck treiben wir unsere Enduros die gut zu fahrende Strecke bergauf und es kommt, wie es kommen muss: Übermut tut selten gut! Andreas und ich bleiben an dem gleichen Felsvorsprung hängen und während ich nur meinen Alukoffer einbüßen muss, stürzt Andreas mit seiner Africa-Twin in die Felsen. Jede Menge Plastik geht zu Bruch, aber ihm passiert zum Glück nichts! Trotz allem verfehlt der Scheiteltunnel seine Faszination nicht. Ist auch dieses Jahr das Eis unter der inzwischen berühmten Pfütze geschmolzen? Wie tief und wie lang ist die sie wohl diesmal? Es hilft nichts, wir müssen da durch und es ist wieder mal klasse, das Licht am Ende des 800 m langen Tunnels zu sehen.

Am Folgetag lassen wir es, leicht angeschlagen etwas vorsichtiger angehen. Wir wählen den Col d` Izoard, der uns erneut mit der ihn umgebenden Natur in seinen Bann zieht. Diese Landschaft findet sich wohl kaum an einem anderen Fleck der Alpen. Unsere Tour abseits ausgetretener Pfade soll mit der Befahrung der Assietta-Kammstraße ausklingen, doch lässt aufziehender Nebel die Strecke zur Qual werden und so sind wir höchst erfreut, abends am Lago Maggiore die letzten Strahlen südlicher Sonne genießen zu können.

Mal sehen, was Herr Denzel noch zu bieten hat.

 

 









 
© Regio Verlag Schwäbisch Hall 2008

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