BUELL CR 1125Um ein Teil des Fazits vorweg zunehmen, für mich steht das Kürzel CR für „charming Rat“ oder zu deutsch charmante Ratte. Das CR in der Namensgebung steht natürlich für Café Racer, aber mit einem solchen hat die 1125 CR meiner Meinung nach nicht allzu viel zu tun. Zwar trägt sie einen leicht demontierbaren Sitzbankhöcker, unter dem sich der Soziussitz verbirgt, sie hat einen M-Lenker und ist im weitesten Sinne „Naked“, aber mir persönlich ist die sogenannte „moderne Interpretation“ des Themas zu modern für einen Café Racer. Vor meinem geistigen Auge tauchen da halt immer noch solche Moppeds wie Norton und Co. auf.
Das bedeutet nicht, dass ich das Design für misslungen halte. Eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall. Ihr geduckter breiter Vorbau, bei dem ich an die Suzuki B-King denken muss. Der kurze Radstand, der ein leichtes Handling verspricht. Eine Auspuffanlage, die buelltypisch für den Schwerpunkt günstig unter dem Motorblock verbaut wurde und mich endlich nicht mehr an einen Kanonenofen erinnert. Alles in allem ein sehenswertes Stück amerikanischen Motorradbaus aus dem Staat Wisconsin.
Wer sich im Verkehr verstecken will oder muss, sollte sich ein anderes Bike als ausgerechnet dieses aussuchen. Leicht geduckt wie eine in die Enge getriebene Ratte, die gleich zum Gegenangriff startet, steht sie da. Aggressiv schwarz und zum Sprung bereit. Der Fahrer wird von ihr in eine fast schon supersportlerähnliche Sitzposition gezwungen, die für kurze und mittlere Strecken in Ordnung geht, für längere aber ein wenig unbequem wird. Wen die Form des Lenkers stört, kann bei Buell für 320 Euro einen breiten Superbike-Lenker-Kit erstehen, was der Fahrdynamik keinen Abbruch tut, eher im Gegenteil.
Den Power zum Angriff hat sie. Die 1125 CR ist das zweite Modell nach der 1125 R, die mit dem flüssigkeitsgekühlten, satt am Gas hängenden von BRP-Rotax stammenden Motor ausgestattet wurde. Der sogenannte Buell Helicom 72 Grad-V2-Motor hat gegenüber der 1125 R eine gekürzte Übersetzung im 6 Ganggetriebe erhalten. Dies gibt noch einmal ein Drehmomentplus zu der schon nicht schwachbrüstigen R-Reihe. Jetzt stehen stolze 111 Nm Drehmoment bei 8000 U/min zur Verfügung. Ihre 148 PS sind zwar nicht der Zenit bei den Naked Bikes aber doch mehr als ausreichend, um eine gehörige Portion Spaß mit ihnen zu haben. Die Einlassnockenwelle wird per Zahnkette angetrieben, die Auslassnockenwelle über Zahnräder von der Einlassnockenwelle. Diese Konstruktion reduziert das Gewicht des Motors und erfordert weniger Bauraum im Zylinderkopf als eine Konstruktion mit drei Zahnrädern, sodass der Motor weiter vorn im Fahrwerk angeordnet werden kann. Gleichzeitig sorgt es aber auch für den von einigen Testern bemängelten mechanischen Klang des Motors. Die Anti-Hopping-Kupplung verringert die Motorbremswirkung bei plötzlicher Gaswegnahme oder dem extremen Herunterschalten vor Kurven. Sie ist gut dosierbar und hat einen klar definierten Einrückpunkt.
Um die Kraft besser auf den Boden zu bringen und dem steten Drang der CR sich auf ihr Hinterrad zu stellen ein wenig Einhalt zu gebieten, haben die Mannen um Eric Buell die Schwinge ein wenig verlängert. Der Radstand ist mit 1389 mm aber immer noch knackig kurz und sorgt somit für die nötige Agilität. Knackig und kurz, dass steht bei Buell fast immer im Vordergrund. Das gilt ebenfalls für die mächtige schwimmend gelagerte 375-Millimeter-Edelstahl-Bremsscheibe, die im Vorderrad verbaut wird. Die Bremse hat unter anderem dank der Stahlflexleitungen einen sauber definierten Druckpunkt und bringt trotz nur einer Scheibe im Vorderrad gute Verzögerungswerte. Wenn der Achtkolben-Festsattel mit seinen vier Einzelbelägen zubeißt, dann werden die Bremskräfte direkt auf die Felge übertragen.
Deshalb konnten die sechs Speichen aus Leichtmetall so filigran ausfallen wie sie geworden sind. Im Umkehrschluss bedeutet auch das weniger ungefederte Masse und kommt so letztendlich dem agilen Handling zu gute und macht die CR zu einem Kurvenhetzer par excellence. Die CR hat ein voll einstellbares Hinterrad-Federbein und eine ebenfalls voll einstellbare Showa Upside-Down-Vorderradgabel mit ihren 47 Millimeter starken Tauchrohren spendiert bekommen. Serienmäßig ist die CR mit einem Pirelli Diablo Corsa III bereift, eine für dieses Motorrad ausgewogene Reifenwahl, mit deutlicher Rückmeldung der Fahrbahn und klar definiertem Grenzbereich. Das von Buell entwickelte „Intuitive Response Chassis“ (IRC) sorgt durch das extrem verwindungssteife Fahrwerk und die im Motorblock angelenkte Leichtmetall-Gussschwinge für höchste Fahrdynamik. Ebenso spricht ein Trockengewicht von 170 Kg für sich. Ab ca. 2000 Touren schiebt die Amerikanerin mit unablässigem Freiheitsdrang nach vorne, bis der rote Bereich bei 10500 U/min erreicht wird. Das entspricht im 6ten Gang einer Spitzengeschwindigkeit von 255 Km/h. Lediglich dem Bereich um die 5000 Touren quittiert sie mit einem deutlichen Vibrieren, für einen V2-Motor hat sie ansonsten einen weichen Lauf. Das Lastwechselverhalten der CR ist gewöhnungsbedürftig und verlangt nach einem erfahrenen Fahrer, der weiß, was er mit dem Gashahn macht. Denn jeder noch so geringe Gasbefehl wird direkt und vehement in Vortrieb umgesetzt. Wer das Spiel beherrscht, dem bringt der Sprint mit ihr einen Heidenspaß. Bei dieser Beschleunigungsorgie werden allerdings 6,8 Liter Kraftstoff im Testschnitt verbrannt, nicht gerade wenig. Ihrer Schwester R gegenüber aber direkt sparsam, die gönnte sich im Jahr 2008 noch über 8 Liter des kostbaren Nasses. Auch bei ihr soll sich das dieses Jahr mit einem neuen Mapping noch ändern. Bevor sich die Zapfpistole abschaltet, kann der im verwindungssteifen Rahmen verbaute Tank ca. 20 Liter Sprit aufnehmen. Der Ölvorrat von 2,6 Liter an Bord der Buell ist jetzt wieder im Motorblock und nicht wie z.B. bei der XB12X Ulysses in der Schwinge untergebracht. Naturgemäß wird auch diese Buell von einem Zahnriemen angetrieben, der über eine mächtig wirkende Riemenscheibe am Hinterrad wirkt. Wie der geneigte Leser weiß, die mir immer noch liebste Sekundärantriebstechnik. Ich hatte während der zwei Wochen Test ein Dauergrinsen im Gesicht. Selten habe ich ein Motorrad getestet, was meiner Idee von Fahrspaß so nahe kam. Was bleibt mir noch zu sagen: Für Ihre 11.999 Euro bekommt man bei Buell ein mit zwei Jahren Garantie ohne Kilometerbegrenzung versehenes Fahrzeug, das mit Sicherheit eines der momentan kompromisslosesten fahraktivesten und dynamischsten Motorräder auf dem deutschen Markt ist. Das genau macht für mich ihren Charme aus. Sie ist aber auch ein gutes Stückweit die von mir erwähnte Ratte. Sie fordert immer höchste Konzentration ab und ist somit nur ein Bike für den geübten Fahrer. Wiedereinsteiger oder unsichere Fahrer sollten ebenso die Finger von ihr lassen, wie die paar Hitzköpfe unter uns, die nicht die nötige Besonnenheit mitbringen.
Für alle Anderen gilt: „aufsteigen, anmachen, Spaß haben“.
Technische Daten: Motor: Flüssigkeitsgekühlter 1125 cm3 Helicon® V-Zweizylinder, mit Flüssigkeitskühlung Ventile: 4-Ventil-DOHC Motor mit Schlepphebelsteuerung und Ventilspielausgleich durch Shims Bohrung x Hub: 103.00 mm x 67.50 mm Drehmoment: 111 Nm bei 8.000 U/min Leistung: 148 PS / 109 kW bei 9.800 U/min
Primärtrieb: Stirnräder, schrägverzahnt, Übersetzung 1,806:1 Sekundärtrieb: Aramid-verstärkter Veyance Hibrex Belt, Übersetzung 2,593:1
Rahmen Schwarzer Leichtmetall-Rahmen mit integriertem Kraftstofftank Vorderrad-Federung Voll einstellbare Showa Upside-Down-Gabel, 47 mm Hinterrad-Federung Voll einstellbares Showa Zentralfederbein mit separatem Ausgleichsbehälter
Länge: 2050 mm Breite: 744 mm Sitzhöhe: 775 mm Radstand: 1389 mm
Bereifung – vorn Pirelli Diablo Corsa III 120/70 ZR-17 Bereifung – hinten Pirelli Diablo Corsa III 180/55 ZR-17
Tankinhalt: 20.1 L Kraftstoffreserve: 3.0 L Trockengewicht: 170 kg Zulässiges Gesamtgewicht: 386 kg Zuladung: 177 kg | |