Black MagicNachdem ich die beiden Schwestern der Black Magic schon Probe gefahren war, wurde es langsam Zeit, die Dritte in Deutschland erhältliche Voxan zu testen. Die neueste Création, die die französischen Spezialisten für Motorräder im Retrodesign diesmal um ihre kompakte Motor- Rahmen- Schwingen- Einheit gebaut haben, nannten sie nicht ohne stolz: „Black Magic“. Aber wie viel schwarze Magie steckt nun in diesem Konzept und ist die französische Hexe wirklich in der Lage, die deutschen Käufer in ihren Bann und ihnen somit die Euros aus der Geldbörse zu zaubern? Um den Eigenversuch zu wagen, stellte mir die Firma Sachs als Generalimporteur, ihre Black Magic für einen einwöchigen Testritt zur Verfügung.
Bei der ersten hypnotisierenden Blickaufnahme kommen mir sofort die britischen Norton und Triumph der 60er Jahre in den Sinn. Der schön geschweißte Aluminiumtank, der Stummellenker, ja halt das gesamte Erscheinungsbild ist auf den ersten Blick very britisch. Beim genaueren Hinsehen fallen mir dann freilich die Unterschiede auf. Da ist zunächst mal das von Voxan selbst entwickelte V2-Herz, das im Zentrum eines fast schon verwirrend wirkenden Kümmergeflechtes liegt. Dann natürlich die schönen, nachts blau illuminierten Rundarmaturen, in denen wie bereits bei der Street Scrambler und der Café Racer digitale Anzeigen integriert wurden. Leider neigen sie genau wie bei ihren Schwestermodellen zur Kondenswasserbildung. Die am Motorrad verbauten Aluteile, wie Gabelbrücke oder die verstellbare Fußrastenanlage sind ausnahmslos CNC-gefräst und von hervorragender Qualität. Den REMUS- Endtöpfen haben die Franzosen eine gefällige Aluminiumabdeckung verpasst. Desgleichen sind die anderen Fremdkomponenten allesamt hochwertig. Das Einzige, was in den 60er´n durchaus üblich war, aber nun wirklich nicht mehr an ein Motorrad des anfangenden 21.Jahrhunderts gehört, sind die offenliegenden Kontakte des Anlasserrelais. Nett anzusehen ist das winzige, runde Rücklicht, welches aber sicherlich noch viel besser mit einem der niedlichen französischen Nummerntafeln als mit unseren bundesdeutschen Backblechen harmoniert. Bei der Farbauswahl wird es einem nicht sonderlich schwer gemacht. Ihr Name schränkt die Farbauswahl ja ohnehin schon erheblich ein. Ansonsten gilt hier das etwas abgewandelte Zitat von Henry Ford: Sie können meine Motorräder in jeder Farbe bekommen, die Sie wollen, vorrausgesetzt sie sind schwarz-silber.
In den Papieren der Französin wird von zwei Sitzplätzen gesprochen. Da fängt die Hexerei schon an. Die Abdeckung des zweiten Platzes lässt sich nach dem Entfernen einiger Schrauben zwar abnehmen, aber die Soziarastenanlage existiert schlichtweg nicht. Genauso wenig ist irgendwo am Motorrad eine Befestigungsvorrichtung dafür vorgesehen. Mir persönlich macht das ja bekanntlich nicht soviel aus, da ich mit schönen Exotinnen jeder Art gerne auch mal einen Moment alleine unterwegs bin. Nachdem ich auf der Voxan platzgenommen habe, stelle ich fest, dass mich das Motorrad erstaunlich gut integriert. Die durch die tiefen Stummellenker leicht zum Vorderrad orientierte Sitzposition erzeugt im Zusammenspiel mit der Lage der Fußrasten eine sportlich angenehme Körperhaltung, die zum Gesamtbild des Motorrades passt. Lediglich die links und rechts unter dem Tank hervorstehenden Rahmenteile drücken ein wenig in die Knie und können einen bei längeren Touren geringfügig stören.
Ein kurzer Druck auf den Startknopf und mit Elektriktrick erwacht der altbekannte V2 mit volltönendem Brummen zum Leben. Die gut trennende, hydraulische Ölbadkupplung betätigt, den ersten Gang im exakt schaltenden 6-Ganggetriebe eingelegt und die Voxan die ersten Meter durch ein Nürnberger Industriegebiet Richtung Landstraße bewegt. Bei den vielen Spurwechseln in der Stadt, sind die sehr kurzen Spiegelausleger keine echte Hilfe, in den Spiegeln sieht man nicht einmal die böse Hexe. Trotz ihres geringen Lenkeinschlages und des Stummellenkers ist die Black Magic in der Stadt erstaunlich handlich. Ja, im Gegensatz zu ihrer Schwester der Café Racer fast so wendig wie ein Motorroller. Aber Maschinen wie die Black Magic wollen eigentlich nicht mit Schrittgeschwindigkeit an irgendwelchen Eisdielen vorbei rollen. Nein, was sie wirklich will und wofür sie von ihren französischen Erbauern erschaffen wurde, ist die Welt der weitgeschwungenen Landstraßen. Die liebt sie und hier kann sie ihren Fahrer wirklich verzaubern. Und genau diesen Zauber will ich jetzt erst mal richtig auskosten. Kaum aus Nürnberg heraus, beginnt das Kurvenband Richtung fränkisches Seenland. Einmal freigelassen kann man die Hexe eigentlich nur noch genießen.
Trotz der nur knapp 100 PS schiebt der V2 die Fuhre mit Nachdruck voran. Das ist keine Magie, sondern normale und mathematisch belegbare Physik. Die beiden je 500 ccm großen Kolben verbeißen mit ihren Pleuel, regelrecht in der einteiligen Kurbelwelle, auf der sie beide auf dem gleichen Hubzapfen angreifen, ein Drehzahlloch ist hier in keiner Gangart auszumachen. Stoisch nimmt der Motor die Gasbefehle bei jeder Drehzahl an und sorgt für mehr als ausreichend Vortrieb. Bei zügiger Landstrassenfahrt seien der Black Magic die 6,5 - 7,5 Liter gegönnt, die sie sich vom guten Super Bleifrei aus dem Alufass schmecken lässt. Sie sind für mich eine angenehme Überraschung, da ich mich nach dem Test der Street Scrambler auf ein höheres Tankbudget eingestellt habe. Da bleibt mir wenigstens noch ein bisschen Geld übrig, um mich bei einer Tasse Café au Lait am Anblick dieses Motorrades zu erfreuen. Auch bei Ihrem Tankvolumen von 21 Litern, incl. 4 Litern Reserve, ist sie ihren Schwestern haushoch überlegen. Das bedeutet satte 7 Liter oder 100 km mehr Reichweite als z.B. die Street Scrambler. Insgesamt reicht eine Tankfüllung für knappe 300km, das ist für ein solches Motorrad durchaus okay.
Aber mal wieder zurück auf die Straßen, die für uns die Welt bedeuten. Die kurvigen Land- und Nebenstraßen dieses Globus oder in meinem Fall dem Stückchen blau - weißer Erde, das mich zurzeit beheimatet. Das Fahrwerk mit seiner gutdimensionierten, volleinstellbaren 43mm Marzocchi Upside– Down- Gabel und das unter dem Motor liegende, auch volleinstellbare Paioli Federbein bügeln die Wellen im Fahrbahnbelag glatt und vermitteln mir jederzeit eine sichere Rückmeldung über die Beschaffenheit des Untergrunds. Auch die Michelin Serienbereifung tut hier ein Übriges. Der Pilot Power vorne 120/70 ZR 17 und hinten 180/55 ZR 17 harmoniert hervorragend mit dem Fahrwerk und umgekehrt. Auch die 320mm Doppelscheibenbremse vorne und die 245mm Scheibe hinten mit ihren Brembo-Vierkolbenzangen passen hervorragend in dieses Motorradkonzept. Die Bremsen bleiben immer gut dosierbar und verzögern Mann (Frau) und Maschine mit ordentlichen Werten. Leider ist auch bei Voxan wie bei vielen anderen Kleinserien- Herstellern kein ABS im Angebot. Meinem Wissensstand nach auch nicht in Vorbereitung.
Bei einem kleinen Abstecher auf die Autobahn wird man vom frontal anströmenden Fahrtwind daran erinnert, dass man auf einem Naked Bike Platz genommen hat. Doch dank des tiefen Lenkers ist es bei Fahrtgeschwindigkeiten bis 190 km/h noch erträglich. Darüber hinaus beginnt der Wind doch recht heftig an der Schutzbekleidung zu ziehen und zwingt einen förmlich dazu, sich noch tiefer auf den Tank zu drücken. Dankbar fahre ich die nächste Ausfahrt wieder ab und beschließe, die Voxan noch ein wenig auf meiner Heimstrecke zu genießen. In der fränkischen Schweiz kann sie auch viel mehr ihrer schwarzen Magie unter die Menschheit streuen, als sie es auf stumpfen Autobahnkilometern vermag. Die Woche geht wie schon so oft, leider viel zu schnell um. Doch man soll ja bekanntlich aufhören wenn´s am schönsten ist.
Die Voxan Black Magic hat jede Menge Magie an Bord. Sie ist ein durchaus alltagstaugliches Motorrad, das den Vergleich mit anderen Naked Bikes nicht scheuen muss. Sie besitzt einen wunderbar klingenden V2, der immer ausreichend Kraft zur Verfügung stellt und sich dabei stets kultiviert verhält. Ihre Verarbeitung ist überwiegend von hervorragender Qualität, leider schleichen sich dann aber an einigen Stellen Bauteile ein, wie das oben schon erwähnte Anlasserrelais oder die feuchtigkeitziehenden Armaturen. Ebenso das ein oder andere schlecht passende Kunststoffteil (Soziasitzabdeckung, Verkleidungsteil Zündschloss). Um auf dem deutschen Markt eine größere Rolle als bisher spielen zu können, ist hier Nachbesserungsbedarf. Die Voxan dürfte es bei der momentanen Marktlage schwer haben, trotz ihrer zugegebenen magischen Ausstrahlung die Käuferherzen davon zu überzeugen, dass sie ihren Preis von immerhin 14.999,-€ wert ist. Aber vielleicht gibt es ja noch hier und da einen Rechtsanwalt oder Zahnarzt, der bereit ist, diese Summe für eine echte Liebhaberei locker zu machen. Es wäre Voxan vergönnt. Und wer weiß, ein gallisches Dorf hat ja bekanntlich schon so manchen großen Italiener in die Knie gezwungen.
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