DolomitenWir erinnern uns an das Frühjahr 2006: Schnee bis spät in den März, danach Regen gemischt mit Schnee, und ab Mai schließlich nur noch Regen. Na ja. Immerhin! Also was bleibt dem armen wettergebeutelten Biker noch anderes übrig: Raus aus der nassen und kalten Republik und so lange den Asphalt unter die Räder nehmen bis die ersten Sonnenstrahlen Körper und Seele erwärmen. Nach über 25 Jahren Biker-Erfahrung habe ich ein Näschen dafür, wo Regenwolken meist chancenlos gegen den heißen Planeten ankämpfen. Mein Cousin Peter hat genauso wie ich die Nase vom deutschen Scheißwetter (sorry für den Ausdruck, aber das musste echt mal raus!) gestrichen voll und so packen wir unsere Mopeds – Peter seine altgediente Yamaha FJ und ich meinen grünen Tiger – und fahren (schwimmen) Richtung Süden. Und siehe da: Von Innsbruck an, Richtung Brenner, finden sich bereits die ersten blauen Wolkenlücken am Horizont und ab Grenze „bella Italia“ begrüßt sie uns mit ihren wohltuenden wärmenden Strahlen – die Sonne! Selten sind Wunschgedanken und Wirklichkeit so deckungsgleich wie in diesem Augenblick. Auf der Brenner-Staatsstraße fahren wir nun auf trockenem Asphalt bis Brixen. Dort zweigt in Richtung Bruneck der Weg ins Pustertal ab. Nach ca. 20 Kilometern sind wir endlich angekommen – treffender vielleicht noch: heim gekommen. Denn in unserem WHEELIE’s-Partnerhaus, dem Hotel Kronblick in Kiens, fühlen wir uns wie zu Hause. Dies liegt nicht zuletzt an den symphatischen Wirtsleuten, Margret und Peter Falkensteiner, die mit Unterstützung ihrer drei Söhne das topp ausgestattete Haus angenehm familiär führen. WHEELIE’s-Leser sind natürlich besonders gern gesehene Gäste und kommen auch hier in den Genuss eines Sonder-Rabattes (www.kronblick.com). Als Einstiegstour für den nächsten Tag haben wir uns die klassische Dolomitenrunde vorgenommen, was sich im Nachhinein nicht als besonders gute Idee erweisen sollte. Denn außer uns beiden haben wohl sämtliche wettergefrusteten Biker aus Deutschland und Österreich an diesem Brückentag-Wochenende das gleiche Vorhaben wie wir in die Tat umgesetzt – mit dem Resultat, dass wohl mehr Motorräder als Felsbrocken rund um den Sella-Stock zu finden waren. Entsetzt bin ich über die große Anzahl von wirklich hirnverbrannten Idioten, die mit ihrem Wahnsinnsfahrstil, Marke „Russisch Roulett“ nicht nur sich selbst, sondern vor allem die anderen Verkehrsteilnehmer aufs Äußerste gefährden. Als absolute Krönung ist auch noch der komplette Radlertross des „Giro d’ Italia“ an diesem Tag auf den Passstraßen unterwegs, von den Reisebussen und PKW’s ganz zu schweigen. Da wir die große Dolomitenrunde in unserem Magazin schon oft ausführlich beschrieben haben, hier nur noch mal die wichtigsten Eckdaten: von Bruneck aus durch das Gadertal, besser bekannt unter dem Namen Val Badia in den bekannten Wintersportort Corvara. Dort beginnt die Auffahrt zum Grödner Joch. Entlang des mächtigen Sella-Massivs zur Sella-Passhöhe, weiter zum Pass Pordoi (von dort abenteuerliche Fahrt mit der Seilbahn auf den über 3000 Meter hohen Piz Boe empfehlenswert). Über Arabba zum Falzarego-Pass. Auf der Passhöhe sind bis heute noch die tragischen Spuren der Frontlinien vom Ersten Weltkrieg zu sehen. Nach der Abfahrt lohnt sich in der Olympiastadt Cortina d’ Ampezzo die Besichtigung des ganz aus Holz erbauten Olympiastadions. Über den Misurinasee mit dem herrlichen Drei-Zinnen-Panorama (mautpflichtige Drei-Zinnen-Panoramastraße absolut lohnend, aber 10 Euro pro Bike sind für die knapp sieben Kilometer ganz schön happig!) geht es über Toblach wieder durch das Pustertal nach Kiens zurück. Nach dem leckeren Fünf-Gänge-Menü und den dazu gehörenden „Verdauungs-Willis“ fallen wir todmüde in die Federn, denn am nächsten Tag wollen wir dem Verkehr auf den Touri-Routen entfliehen und planen eine Tour durch die südlichen Dolomiten. Dort sollen in den Provinzen Belluno und Trentino noch verkehrsarme und relativ unbekannte Pässe auf kurvensüchtige Biker warten. Als erstes ziehen wir uns jedoch die „Perle der Dolomiten“ rein: den Pragser Wildsee mit seinem besonderen Charme. Kurz vor Toblach zweigt die Stichstraße ins Pragser Tal ab und endet nach gut 10 Kilometern am See. Dieser spiegelt am frühen Morgen alle Farbnuancen von grün bis blau sowie das massige Bergmassiv des fast 3000 Meter hohen Seekofels auf seiner Wasseroberfläche wieder. Für die gut einstündige sehr empfehlenswerte Seeumrundung per Fuß nehmen wir uns aufgrund unseres vor uns liegenden Tourenprogramms keine Zeit. In Innichen, kurz vor der österreichischen Grenze, zweigen wir in das Sextental ab und auf der Scheitelhöhe des Kreuzbergpasses verlassen wir Südtirol. Flüssiges Kurvenschwingen ist angesagt auf der Abfahrt nach Dosoledo in der Provinz Belluno. Über den sowohl landschaftlich wie auch fahrtechnisch wunderschönen Passo del Zovo erreichen wir Auronzo di Cadore. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf die Südseite der Drei Zinnen. Dass es doch noch möglich ist, einigermaßen ungestört auf herrlichen Alpensträßchen mit Kurvenspaß bis zum Abwinken unterwegs zu sein, zeigen die folgenden Pässe, die wir mit unseren Bikes unter die Räder nehmen. Der Passo Cibiana verbindet mit seiner abwechslungsreichen Streckenführung durch Kiefernwälder und Weidegebiete das Zoldotal im Südosten mit dem Tal Conca d’Ampezzo im Westen. Auch der Passo Duran, der von Villa in südlicher Richtung nach Agordo führt, ist auf der Spaßskala ganz oben angesiedelt. In einem gemütlichen Straßencafe in Agordo genießen wir in der warmen Sonne einen spitzenmäßigen Cappuccino und freuen uns wie die Schneekönige, dass sich wahrscheinlich nur 50 Kilometer weiter im Norden unzählige Mopeds auf den Dolomitenpässen zwischen Bussen, Autos und Fahrrädern durch die Gegend quälen! Sollen die nur bleiben, wo sie sind. Auch die 35 Kilometer über den Passo di Cereda darf man getrost als „Biken at it’s best“ bezeichnen. Kaum ein Auto oder Motorrad, das einem in einer Kurve entgegen kommt. Ab und zu ein paar Wanderer, die gemütlich „Spazierstock schwingend“ auf eine Wiese oder zwischen den Bäumen auftauchen. In Tonadico fädeln wir auf die Staatsstraße 50 ein und die touristische Zivilisation hat uns wieder. Und dies hat seinen Grund. Gilt der Passo di Rolle doch als echtes Highlight der Trentiner Dolomiten. Über den pompösen Wintersportort San Marino di Castrozza zieht sich die Strecke über unzählige Kurven und „Tornanti“ bis zur Passhöhe auf fast 2000 Höhenmeter hinauf. Dort erwartet einen ein einmaliges Panorama auf die riesigen Dolomitenklötze der Umgebung und im Norden ist die gletscherbedeckte Marmolada auszumachen. Irgendwie hat uns das „Passfieber“ so richtig gepackt und so beschließen wir, nach der Abfahrt vom Rollepass zusätzlich noch den Passo di Valles und ab dem Wintersportort Falcade noch den Passo di San Pellegrino „mitzunehmen“. In dieser Gegend liegt auch die Quelle des gleichnamigen berühmten „Aqua Minerale“. Das schmeckt auch mir vorzüglich, vor allem wenn es mit Hopfen und Malz angereichert wurde! Als nächstes ist der Karerpass an der Reihe, auf dessen Scheitel wir das Trentino verlassen und wieder im deutschsprachigen Teil Italiens angekommen sind. Und schon sind sie wieder da – die wuselnden Touris, ausgespuckt aus den Bäuchen der Reisebusse und Autos, die fotobewaffnet in riesigen Scharen zum Karersee strömen um das „ultimative“ Postkartenmotiv zu (er)schießen. Deshalb schenken wir uns das Gedränge auf den Spazierwegen rund um den von unterirdischen Quellen gespeisten Gebirgsee. Die weitere Route führt entlang des sagenumwobenen Rosengartenmassivs über den Nigerpass hinunter ins Eisacktal nach Bozen. Zwei mächtig knurrende Mägen erinnern uns daran, dass wir heute zwar viele Kilometer gefressen, unsere Bikes mit dem sündhaft teuren italienischen Sprit gefüttert haben – unsere Astralkörper selbst aber auf Diät gesetzt haben (ich weiß, die hätten wir ja auch verdammt nötig!). So drehen wir kräftig am Gashahn – schließlich wartet Koch Gottfried im „Kronblick“ mit dem obligatorischen gigantischen 5-Gänge-Menü auf die Gäste. Dieses genießen wir ausgiebig um danach bei einem guten Fläschchen „Kalterer See“ (oder waren’s vielleicht auch zwei) die manigfaltigen Eindrücke unserer 450 Kilometer langen Pässetour nochmals miteinander Revue passieren zu lassen. Und gemeinsam gelangen wir dabei zu der Einsicht: Unsere Idee mit der „Republikflucht“ war echt ne obergeile Entscheidung, die wir zwei da kurzerhand getroffen haben. Und sollte mal wieder das deutsche Wetter eine „Frustwelle“ in uns auslösen, wissen wir zukünftig auf Anhieb unser Ziel: 380 Kilometer von Mögglingen im Ostalbkreis Richtung Süden: Hotel Kronblick in Kiens – einfach majestätisch!
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