So fern und doch ganz nah – faszinierendes Albanien„Wie kommst du denn auf Albanien??!!“ Diese Frage müssen wir vor Abreise zigmal beantworten – die größten Hindernisse unserer Reise sind die Ängste der Frauen, Mütter, Freundinnen und Daheimgebliebenen. In der Tat ist das Bild Albaniens in unserer Gesellschaft geprägt von Scharmützel und Aufruhr. Wer Glück hat und dem drohenden Überfall marodierender Banden entgehen sollte, der wird dann in den Befürchtungen der Geliebten mindestens lebensgefährlich an der Ruhr erkranken und nach Rückkehr wegen Langzeit-Diarrhoe die Berufsunfähigkeitsversicherung in Anspruch nehmen müssen. Doch nehmen wir es vorweg: Die Behauptung, ein Glas albanischen Leitungswassers enthalte 80 Prozent des Jahresbedarfs eines Menschen an Colibakterien, erwies sich als unwahr. Das gilt ebenso für die Befürchtung, dass die Jagdsaison auf Touristen in Albanien vom 1. Januar bis zum Ende der Munitionsvorräte gehen soll. Wahr ist dagegen, dass Albanien ein faszinierendes Land ist, dass die Bewohner freundliche und aufgeschlossene Menschen sind, dass wir keinerlei Sicherheitsbedenken haben mussten und dass fünf Motorradfahrer in zwei Wochen Albanien nicht ein einziges Mal unter Durchfall litten, obwohl wir (nach vorsichtigem Herantasten) täglich mehrfach Salate und zum Teil ungewaschenes Obst aßen und Wasser auch aus offenen Gewässern tranken. Wir vermuten daher auch, dass unsere Gewichtszunahme am hervorragenden und reichhaltigen Essen lag und weniger an den vielen Schwermetallen im Trinkwasser.
Doch wie kommt man nun auf Albanien? Du nimmst Abenteuerlust, etwas Alltagsfrust („Familie und Beruf - die bringen dich zum Suff“) und die begrenzte Zeit von zwei Wochen, schnappst dir einen guten Freund, eine Europakarte und einen Kasten Bier, und wenn dann noch Meer, sicheres Wetter, ein unbekanntes Land und eine nicht all zu weite Entfernung Voraussetzungen sind, dann ist dein Reiseziel schnell geboren.
Trotz Internet sind nur wenige und zum Teil widersprüchliche Informationen über Albanien verfügbar. Übereinstimmend sind im Vorfeld unserer Reise lediglich die Berichte über schlechte Straßenzustände. Unsere Straßenmotorräder werden deshalb durch Enduros ersetzt, was sich im Nachhinein als goldrichtig erweist., Hannes aus Schwäbisch-Hall ersetzt seine betagte Güllepumpe durch eine F650GS, der Münchener Frank holt sich eine gut erhaltene gebrauchte Dominator, unser Dortmunder Ase leistet sich eine nagelneue R1200GS und ich (Markus aus Schwäbisch-Hall) fahre mit meiner alten 2-Ventiler-Kuh. Lediglich der Fritz, der dritte „Haller“, will sich nicht von seinem Eisenhaufen trennen. Dafür muss er später Tribut in Form von verbogenen Hebeln und einem verbeulten Tank an der FJR 1200 bezahlen, trotz modifizierter Federbeine und weiterer Anpassungen. Für An- und Rückreise wählen wir aus Zeitgründen und wegen der Erinnerungen an schon länger zurückliegende Asien- und Afrikatouren die Fähre ab Venedig. Diese bringt dich in 24 Stunden nach Igoumenitsa in Griechenland und macht Lust auf mehr, da sie in nur wenigen Kilometern Entfernung parallel zur Südküste Albaniens entlangfährt. Zur Gewöhnung an die kommende Zeit der Entbehrung buchen wir natürlich D(r)eckspassage für 130 EUR (hin und zurück – geht auch billiger, wenn man früher bucht). Die Entspannung auf See ist prächtig, der Ouzo im Duty-free herrlich billig, dafür sind die wenigen Informationen auf Deck von angeblichen Albanien-Kennern unbrauchbar.
Der Grenzübergang Konispol ist von Igoumenitsa aus in einer knappen Stunde erreicht und nicht in jeder Albanien-Karte verzeichnet. Die Unterschiede zwischen einem EU-Mitgliedsland und dem vielleicht ärmsten Land Europas sind gewaltig und offenbaren sich direkt an der Grenze: Die griechische Grenzabfertigung erfolgt im klimatisierten Neubau. Die albanische Grenze besteht dagegen aus 3 alten Containern und einem handbetätigten Schlagbaum. Der neue Asphaltbelag auf griechischer Seite endet abrupt an der Grenze und geht übergangslos in eine ramponierte Schotterpiste über. Die Grenzabfertigung verläuft trotz vergessenem Führerschein und ungültiger grüner Versicherungskarte relativ problemlos. In einer knappen Stunde sind wir durch – endlich Albanien!
Zuerst brauchen wir albanisches Geld, den Lek gibt es nur im Inland. Tauschen an der Grenze ist unmöglich, nächste Tauschmöglichkeit: Sarande – 40 km. Die Konfrontation mit den albanischen Verkehrsverhältnissen ist hart. Nach einer Stunde haben wir erst 15 km hinter uns und das Thermometer der GS zeigt 39 Grad Lufttemperatur. Wasserstellen müssen durchquert werden, es geht vorbei an Waldbränden und für mich endet die Reise beinahe schon am ersten Tag: In der historischen Ausgrabungsstätte Butrint, Weltkulturerbe der Unesco, muss ein Kanal per Fähre überquert werden. Das Schiff hat seinen Namen nicht verdient, ist so alt wie die Ausgrabungsstätte selbst und mit 6 Autos bereits überladen. Zusätzlich kommen unsere Mopeds drauf. Wegen fehlender Reling geht meine GS samt Fahrer fast über Bord. Nur beherzt zugreifende albanische Hände verhindern das Unglück und vermiesen den Freunden die Schadensfreude.
In Sarande, einer vom beginnenden Tourismus geprägten aufstrebenden Kleinstadt an der Südküste, ist die Gemeinschaftskasse schnell gefüllt und die nächste Überraschung steht bevor: Vom albanischen Fernsehen werden wir abgepasst und gebeten, in ein paar Szenen eines Dokumentarfilms über den Tourismus in Albanien mitzuwirken. Haben wir natürlich gerne gemacht.
Da Sarande ohne Sehenswürdigkeiten ist, fahren wir noch 20 km auf Schotter weiter nach Norden, wo ein etwas skurriler Platz als Übernachtungsstätte ausgewählt wird, die Bucht Bunec bei Piqueras. Diese Bucht besteht aus einer ehemaligen Militärstation, vollgestopft mit Bunkern und verfallenden Militärgebäuden. Einige Bunker sind zu improvisierten Cafes umfunktioniert und mitten zwischen Militärruinen befindet sich ein kleines isoliertes Paradies aus Palmen und Bananenstauden, durchzogen von einem glasklaren Bach. Dort wird uns für wenig Geld ein Zelt mit stabilen Betten angeboten. Das Bier ist eiskalt, das Essen eskaliert zum Gelage, der Raki kommt in Wassergläsern auf den Tisch und unser Thema bis tief in die Nacht sind die Eindrücke des ersten Tages. Denn Albanien hinterlässt bleibende Eindrücke: Da sind zum Beispiel die Bunker, die es an allen möglichen und unmöglichen Plätzen gibt. Mehrere Hunderttausende dieser pilzförmigen Betonfiguren ließ der paranoide Diktator Enver Hoxha bis 1985 über das ganze Land verteilt errichten. Sie begegnen einem wirklich überall und prägen vielfach das Landschaftsbild.
Auffallend auch die Fahrzeuge. Neben Pferdefuhrwerken und Eselskarren sind fast ausschließlich Mercedes auf den Straßen zu finden. Klammheimlich müssen die Albaner ganze Stuttgarter Jahresproduktionen aufgekauft haben, und nicht nur altehrwürdige Jahrgänge. Wenig erfreulich, aber auch zu Albanien gehörend, ist die Müllproblematik. Eine geregelte Entsorgung scheint nicht zu existieren. Gepaart mit fehlendem Umweltbewusstsein führt dies dazu, dass der Abfall überall achtlos in die Landschaft geworfen wird. Jeder noch so idyllische Platz ist zugemüllt und über ganze Landschaften wabert der dazugehörige typische Geruch.
Eindrücke hinterlassen auch die Albaner selbst: Freundliche und offene Menschen, die ehrliches Interesse am Besucher haben und in keiner Weise dem in Deutschland herrschenden Bild des Albaners entsprechen. Mit den üblichen Sprachen kommt man einigermaßen durch, besonders die jungen Leute sprechen tadelloses Englisch. Regelmäßig wurden wir auch auf Deutsch angesprochen. Berührungsängste uns gegenüber existierten nirgendwo. Und dann sind da noch die Eindrücke von den Straßen: Von „neu asphaltiert“ bis zu „unfahrbar“ haben wir alle Zustände angetroffen. Mit Ausnahme der „roten“ Bundesstraßen haben wir auf den Nebenstrecken hauptsächlich Schotterpisten vorgefunden. Allerdings wird überall rege gebaut und die Straßenverhältnisse werden sich deshalb besonders in touristisch interessanten Gebieten und auf viel befahrenen Straßen in kurzer Zeit deutlich verbessern.
Aufgrund des langsamen Vorwärtskommens, der großen Hitze und der vielen Eindrücke ändern wir bereits am zweiten Tag unsere vorgesehene Fahrtroute. Wir streichen die Bergwelt um Berat wurde aus dem Programm und verbringen dafür einen weiteren Tag an der wunderbaren Südküste. Malerische Buchten mit türkisblauem Wasser neben Militäranlagen mit U-Boot-Bunkern unterbrechen immer wieder die Steilküsten des ionischen Meeres. Den Abschluss dieser gigantischen Landschaft bildet der gut ausgebaute Llogara-Pass, der sich 1000 Höhenmeter durch abgebrannte Wälder in ein Naturschutzgebiet hinauf windet und endlich mal wieder gewohnte Schräglagen erlaubt. Wir übernachten in einer Blockhütte bei Vlore. Zu Essen gibt es Hammel satt. Dieser wird nach Gewicht bestellt – 1000g pro Person soll laut Kellner die übliche Menge sein. Raki sorgt für die richtige Verdauung des lauwarmen Hammeltalgs.
Von Vlore führt uns der Weg nach Osten zum Prespa- und Ohridsee. Zwischen Fier und Lushnje muss ich eine wilde Verfolgungsjagd überstehen. Ein überholter Albaner scheint rot zu sehen und fährt mit Lichthupe bis auf wenige Zentimeter auf. Kein Problem, denke ich, gebe Stoff und überhole ein paar Autos. Der Albaner bleibt mit lebensmüder Fahrweise in jeder Situation dran, überholt kriminell und laut hupend trotz Gegenverkehr und droht mit der Faust. Entnervt fahre ich nach 20 Kilometern eine Tankstelle an, um ein paar Leute um mich rum zu haben, falls es zum nonverbalen Schlagabtausch kommen sollte. Aus dem Auto entsteigt ein lächelnder Albaner und sagt in fließendem Deutsch: „Endlich habe ich dich. Ich will dich einladen, denn so oft kommen keine Deutschen in mein Land“. Seine Drohgebärde mit der Faust entpuppt sich als Trinkzeichen. Auch seine Frau und die vier Kinder steigen aus und alle zusammen erleben wir eine schöne Pause mit anschließender Einladung nach Tirana und erfahren viel über Land und Leute. Weiter geht’s über Elbasan Richtung Osten. Prespa- und Ohridsee sind Unesco-Weltkulturerbe. Beide Seen sind mehrere hundert Quadratkilometer groß und umgeben von über 2000 m hohen Bergen, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurden. Der Ohridsee hat keinen oberirdischen Zufluss und wird ausschließlich gespeist vom unterirdisch durch die Bergkette verlaufenden Abfluss des höher gelegenen Prespasees. Dieses natürlich gefilterte Wasser tritt auf mazedonischer Seite am Ufer des Ohridsee an die Oberfläche und ist so klar, dass man den Grund des Sees auch bei 20 Metern Wassertiefe noch sehen kann. Da Albaniens Abwässer teilweise noch ungeklärt in den See geleitet werden, wechseln wir für drei Tage auf mazedonische Seite, um ungetrübten Badespaß zu genießen. Im Galichica-Nationalpark erlauben uns die Berge zwischendurch unbegrenztes Endurovergnügen. Glück haben Ase und seine 1200GS bei einem Kapitalsturz, der glücklicherweise von einem Gebüsch aufgefangen wird. Kaum auszudenken, was wenige Meter weiter passiert wäre, wo der Blick in die Tiefe unversperrt war… Auf den Schreck brauchen wir erst mal ein großes Bier, das in 1,5l-Flaschen serviert wird.
Die nächsten Tage verbringen wir im Hochgebirge parallel zur griechischen Grenze. Die laut Karte und Reiseführer ausgebaute Bundesstraße von Pogradec nach Korce präsentiert sich in jämmerlichem Zustand. Die Sichtweite auf dieser viel befahrenen Staub- und Wellblechpiste? Wegen des Staubs kaum 20 Meter. Die offensive Fahrweise der LKWs lässt uns unter solchen Bedingungen neidlos deren Überlegenheit anerkennen. Straße und Landschaft ändert sich dann ab Korce. Milde Hügel und enge Schluchten wechseln sich mit dramatischen Steilstrecken ab und angesichts des geringen Verkehrsaufkommens und der geringen Bevölkerungsdichte sind wir erstaunt, dass ab Korce relativ gute Straßenverhältnisse anzutreffen sind. Nur die Zufahrten zu den Bergdörfern sind zum Teil in unbrauchbarem Zustand. Verfallende Dörfer zeugen von der Landflucht, die in Albanien ein Problem darstellt. Gleichzeitig wird aber auch überall neu gebaut. Das Geld dazu kommt von im Ausland arbeitenden Albanern. Die arbeitslose Verwandtschaft zieht immer mal wieder ein Stockwerk hoch und so sieht man überall im Land halbfertige und fertige Neubauten. Einen letzten paradiesischen Übernachtungsplatz finden wir auf einer einsam gelegenen Forellenfarm in einem Naturschutzgebiet beim Bergdorf Germenij, wo wir eine Blockhütte mieten können. Niemals haben wir besseren Fisch gegessen, der vor unseren Augen gefangen und zubereitet wird. Der Wolf heult und Bier und Raki fliessen reichlich zum Abschied von Albanien.
Zusammenfassend können wir Albanien uneingeschränkt als Reiseland für Motorradfahrer empfehlen, solange du bereit bist, zu improvisieren, auf gewohnten Komfort zu verzichten und einige Abstriche bei hygienischen Verhältnissen zu akzeptieren. Dafür ist das Land billig und von beeindruckender Schönheit. Wenn du das ursprüngliche Albanien erleben willst, solltest du dich aber beeilen, denn zumindest an der Küste wird überall gebaut. Und das leider nicht immer in einer Form, die unseren Vorstellungen von sanftem Tourismus entspricht.
Wir selbst werden ebenfalls wiederkommen, um auch noch den Norden des Landes zu entdecken – vielleicht sehen wir uns dort. | |